Loßburg: Auch nach seiner Rückkehr ins Rathaus wird der Bürgermeister von Loßburg nach eigener Aussage vom Halter eines beschlagnahmten Hundes bedroht.
«Er fordert die Herausgabe des Hundes, obwohl dies per Urteil von zwei Gerichten abgelehnt wurde», sagte der zeitweise krank geschriebene Bürgermeister Thilo Schreiber am Dienstag in Loßburg (Kreis Freudenstadt). Der Bürgermeister kritisierte die Behörden. «Der Wahnsinn geht weiter. Der Rechtsstaat wird nach wie vor an der Nase herumgeführt», sagte er und verwies auf zahlreiche ähnliche Vorfälle des polizeibekannten Rentners. Zudem hinterlasse ein Gutachten des Gesundheitsamtes, das den Mann als ungefährlich einstufe, große Fragen.
Nach Angaben eines Polizeisprechers wird gegen den Hundehalter nicht mehr ermittelt. «Uns sind derzeit keine konkreten Bedrohungen bekannt», hieß es. Bürgermeister Schreiber war nach monatelangen Drohungen des Rentners krankgeschrieben worden. Das Gemeindeoberhaupt hatte den Vierbeiner «Spike» beschlagnahmen lassen, nachdem dieser ohne Maulkorb ein Kind angefallen hatte. Der 66 Jahre alte Besitzer des Schäferhundes war zunächst festgenommen, auf Anordnung des Richters aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Das Landratsamt wird nach Angaben vom Dienstag keinen Einspruch gegen diesen Beschluss einlegen.
Bürgermeister Schreiber hatte seine Frau und Tochter angesichts der massiven Drohungen an einen unbekannten Ort in Sicherheit gebracht. «Die Situation belastet die Familie insgesamt psychisch sehr», sagte er. Seine Frau und seine kleine Tochter würden «aufgrund der noch real existierenden Bedrohung» auch weiterhin außerhalb von Loßburg wohnen. Der Bürgermeister kündigte an, Strafanzeige gegen den Rentner wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu stellen.
Der Mann «bricht seit über vier Jahrzehnten Streit und Rechtskämpfe gegen die Gemeinde und den jeweiligen Bürgermeister vom Zaun», sagte der 43-Jährige. Nach seinen Angaben sind den Behörden mehr als 40 verschiedene Vorfälle allein aus den vergangenen vier Jahren bekannt. «Er bedroht massivst den Bürgermeister und leitende Beamte und droht körperliche und seelische Schäden an, setzt die Drohungen um und betritt das Grundstück des Bürgermeisters», warf Schreiber dem Rentner vor.
Wiederholt habe der Mann angekündigt, dass «ab morgen 18.00 Uhr Blut fließt». Am Dienstag vergangener Woche seien sein Stellvertreter und er erneut am Telefon massiv beleidigt worden, so Schreiber.
Reaktionen:
Bürgermeister Thilo Schreiber 1
Bürgermeister Thilo Schreiber 2
Bürgermeister Thilo Schreiber 3
Wir berichteten:
In der Affäre um einen beschlagnahmten bissigen Hund sind am Montag mehrere hundert Menschen in Loßburg im Schwarzwald für ihren bedrohten Bürgermeister auf die Straße gegangen.
Sie forderten auf einer Kundgebung unter anderem ein härteres Vorgehen der Polizei gegen den Besitzer des Hundes, der am vergangenen Freitag festgenommen worden war. Der 66-Jährige, der Bürgermeister Thilo Schreiber und dessen Familie nach der Beschlagnahmung seines aggressiven Hundes wiederholt gedroht hatte, soll aber nach dpa-Informationen inzwischen wieder auf freiem Fuß sein.
Die Polizei machte dazu am Montag auf Nachfrage keine Angaben. Nach Aussage des stellvertretenden Loßburger Bürgermeisters Manfred Hauser soll eine Anordnung des Richters den Ausschlag für die Freilassung gegeben haben. Schreiber hatte nach den Drohungen zunächst Frau und Tochter in Sicherheit gebracht. Er selbst ist aufgrund der Drohungen seit Ende Januar krankgeschrieben. «Der Marktplatz war gespickt voll», sagte Hauser auf Anfrage.
An der Kundgebung nahmen nach seinen Schätzungen rund 1000 Menschen teil. Hauser forderte in seiner Rede unter anderem, es müssten gegen den Hundehalter «alle rechtlichen Mittel» ausgenutzt werden, vor allem zum Schutz des Rathauschefs. «Es kann nicht sein, dass es Morddrohungen gegen einen Bürgermeister gibt, ohne dass das geahndet wird», sagte Hauser. Der Rentner war am Freitag von einem Sondereinsatzkommando der Polizei festgenommen worden.
Der Bürgermeister hatte den Hund des Mannes beschlagnahmen lassen, nachdem das Tier eine Frau gebissen hatte und auf ein Kind losgegangen war.
Wir berichteten:
Vorführungsbefehl zur psychiatrischen Begutachtung des 66-jähriger Loßburger von Sondereinsatzkommando vollstreckt.
Der 66-jährige Rentner aus Loßburg wurde heute um 13:35 Uhr von einem Sondereinsatzkommando der Polizei festgenommen. Der Rentner wird in Zusammenhang mit den Vorfällen um den Loßburger Bürgermeister zur psychiatrischen Begutachtung vorgeführt .
Heute Morgen um 10:25 Uhr haben Polizisten der Polizeidirektion Freudenstadt das Gebäude des Loßburgers betreten. Gleich darauf fielen zwei Schüsse im Gebäude des 66-jährigen. Daraufhin wurde das Sondereinsatzkommando hinzugezogen. Bis zum Eintreffen der von Göppingen anrückenden Einheit wurden mit dem sich im Treppenhaus verschanzten Rentner Gespräche geführt, um ihn zum aufgeben zu bewegen.
Dies war jedoch nicht erfolgreich, weshalb das Sondereinsatzkommando eingreifen musste. Der Betroffene flüchtete in ein Zimmer. Die Türe musste aufgebrochen werden. Die abgegebenen Schüsse stammten aus einer Schreckschusspistole und waren nicht gegen die eingesetzten Polizeibeamten gerichtet.
Wir berichteten:
Ein solcher Vorfall ist in Baden-Württemberg bislang einzigartig. Der Bürgermeister einen kleinen Gemeinde wird wegen eines beschlagnahmten Schäferhundes von dessen Besitzer beschimpft und bedroht, die Drohungen werden massiver, bis der Rathauschef seine Familie in Sicherheit bringen muss.
Thilo Schreiber selbst, das Stadtoberhaupt von Loßburg (Kreis Freudenstadt) und Ziel der Drohungen, ist inzwischen krankgeschrieben. «Die Sache hat ihn mitgenommen», sagt sein Stellvertreter Manfred Hauser am Montag. «Er muss sich jetzt erstmal um seine Familie und sich selbst kümmern.» Monatelang hatte die 8000-Einwohner-Stadt in Eigenregie versucht, den aggressiven und drohenden Rentner zur Vernunft zu bringen. «Im Schulterschluss mit Kirche und Behörden», sagt Hauser.
Vergeblich. Der Mann sei ein «notorischer Querulant», berichtet der Leiter der Polizeidirektion Freudenstadt, Georg Moll. Seit Jahrzehnten sei der Rentner polizeibekannt, habe wegen der unterschiedlichsten Anlässe schon zahllose Drohungen ausgestoßen, «die sich gegen Amtsträger aller Art richten», allein seit 2004 sind rund 50 «Vorfälle» den Behörden bekannt. Polizisten oder Gerichtsvollzieher seien bereits Ziel seiner Attacken gewesen. Und jetzt der Bürgermeister. Der hatte einen Schäferhund beschlagnahmen lassen, der dem Mann gehört. «Spike» hatte eine Frau gebissen und war auf ein Kind losgegangen, das mit Schürfwunden davonkam. Der Halter hatte die Auflage der Behörden ignoriert, wonach der als «gefährlich» geltende Hund einen Maulkorb tragen sollte. Der Vierbeiner wurde ihm daraufhin weggenommen – und der Mann ging endgültig auf die Barrikaden. Wenn das Tier nicht bis Freitag vergangener Woche, 18.00 Uhr, zurück sei, werde «Blut fließen», zitiert ihn Hauser.
Der Hund sei für den Mann wie ein Kind. Inzwischen hat das Landgericht Rottweil dem Rentner, einem alteingesessener Loßburger um die 60 aus einer «sehr angesehenen Familie», verboten, sich dem Wohnhaus Schreibers zu nähern. Auch das Rathaus darf er ohne vorherige Ankündigung nicht mehr betreten. Er hatte neben Schreiber auch Angestellte dort bedroht. Auf dem Grundstück Schreibers hatten Nachbarn «vermummte Gestalten» gesehen. «Der Bedroher spricht immer von seinen ‘Helfern’, sagt Hauser. «Er beruft sich auf das Deutsche Reich» und darauf, das das Recht der Bundesrepublik Deutschland für ihn nicht gelte. «Ist ja klar, in welche Richtung das hier geht», sagt Hauser.
Einstweilen spaziert der Mann weiterhin unbehelligt durch Loßburg. Zwar hatte es in der Vergangenheit einige Anzeigen gegen ihn geben. Auch Schreiber habe Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Rottweil erstattet, berichtet Moll. Strafrechtlich relevant waren die Anzeigen bisher nicht. Die Staatsanwaltschaft war am Montag für eine Bestätigung nicht zu erreichen. «Der Mann ist recht intelligent und formuliert seine Drohungen immer so, dass er sich gerade noch innerhalb des Gesetzes befindet», sagt Moll. Nach Angaben von Vize-Bürgermeister Hauser wird jetzt in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt Freudenstadt versucht, den Mann aus dem Verkehr zu ziehen. «Wir sind tätig», sagt eine Sprecherin, ohne Details zu nennen.
«Die Drohungen müssen aufhören», sagt Hauser. «Wenn wir unseren Bürgermeister verlieren würden – das wäre der Super-Gau.»
(dpa/lsw)
Bürgermeister Manfred Hauser zu den Drohungen 1
Bürgermeister Manfred Hauser zu den Drohungen 2

