Kinder unterm Regenbogen

Mit Delfinen schwimmen

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Natascha wünscht sich für Sohn Sven eine Auszeit am Meer

Sven ist gesund zur Welt gekommen. Als er sieben Jahre alt war, ist seine Familie umgezogen. In der neuen Klasse gab es auf einmal Probleme. Sven hat sich nach der Schule oft übergeben. Seine Eltern und die Kinderärztin waren ratlos. Später kam die Diagnose: Sven hatte einen aggressiven Gehirntumor.

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Die schönste Erinnerung an ihren 13-jährigen Sohn beschreibt Natascha Christoph so: Sven sitzt in Sylt am Strand und wirft Sand in die Luft.

„Er war wie ausgewechselt“,

erzählt sie. Sven liebt das Meer. Das hat Natascha 2017 in der Familienreha auf der Insel herausgefunden.

Sven liebt es auch, zu kochen. Besonders Tacosalat. Den macht er zusammen mit seiner Mutter, denn „er stellt immer etwas an“, sagt sie. Sein Lieblingsfach in der Schule? „Kunst!“ ruft er wie aus der Pistole geschossen. Und Mathe. Und die Ausflüge. Sven geht in die 5. Klasse der Steven Hawking-Schule in Neckargemünd. Schule gefalle ihm sehr. „Nicht immer!“ schiebt der Teenager nach.

2014 kam die Diagnose

Als es dem Jungen 2014 besonders schlecht ging, hat eine Vertretungsärztin die Mutter und ihren Sohn zu einem Termin in ein Krankenhaus in Ludwigshafen geschickt.

„Mit dem Kopf stimmt etwas nicht“,

hat der Arzt ihr gesagt. Weiter ging es nach Speyer zum MRT. Es hatte sich Hirnwasser angesammelt. Weiter ging es nach Mannheim. Die Mutter beschreibt unter Tränen, wie sie von ihrem Kind getrennt wurde.

„Ich möchte zu meinem Kind“,

habe sie gesagt. Sie durfte nicht. Dann kam die Diagnose, dass ihr Sohn einen Gehirntumor hat.

„Ich habe das erst drei Tage später kapiert,“

erzählt Natascha vom Schock dieser Nachricht. Es folgten Operationen, eine Bestrahlungstherapie. Sven hat aufgehört zu sprechen, aufgehört, sich zu bewegen.

„Keiner konnte mir sagen, warum sich mein Kind nicht mehr bewegt. Warum er nicht mehr spricht. Ich musste den Ärzten auf die Nerven gehen, damit sie mir sagen, warum er nur noch schreit“.

Er verbrachte 6 Wochen auf der Intensivstation.

Eine schwierige Zeit für die Familie

„Das wird nichts mehr,“ bekam Natascha zu hören. „Das glaube ich nicht,“ entgegnete die Mutter. Sven ging in die Chemo-Therapie. Natascha erzählt von einer unglaublich schweren Zeit. Sie erzählt von Medikamenten, die nicht funktioniert haben, von Autos, die kaputtgegangen sind, Wohnungen, die ihnen gekündigt wurden, weil die Besitzer wechselten:

„Die Katastrophen haben gar nicht mehr aufgehört.“

Sie hat aufgehört zu arbeiten; ihr Mann versorgt die Familie von nun an alleine. Irgendwann wurde alles zu viel: „Wir können nicht mehr,“ habe er zu Natascha gesagt.

„Irgendwann hast du keine Kraft mehr zu kämpfen“,

sagt sie. Die beiden haben mit Hilfe von Nataschas Mutter ein Haus gekauft. Ohne deren Unterstützung wäre das nicht möglich gewesen, berichtet sie: „Das Geld war aufgebraucht.“

Heute läuft und spricht Sven wieder.
Er hat auch einen Hund: den Chihuahua Rudi. Seit vier Jahren lebt er bei der Familie.

„Sven hat ihn erzogen. Er kläfft nicht und wenn Sven von der Schule kommt, hockt er bei ihm auf dem Schoß“,

sagt seine Mutter. Vor der Corona-Pandemie hat Sven kurze Spaziergänge mit Natascha und Rudi gemacht. Sven hat dafür einen Rollator. Wenn es zu bergig wird, läuft er an der Hand seiner Mutter, denn Sven stolpert oft.

„So langsam haben die Katastrophen aufgehört“,

sagt Natascha. Sie erzählt, dass sie ihren Sohn nie alleine lassen könne.

„Er stellt Unsinn an, fängt an zu kochen. Wenn ich in den Keller gehe, um Wäsche zu machen, kommt er mit.“

Sie spricht davon, dass die Situation die ganze Familie psychisch belastet.

„Er wird niemals alleine leben können“,

erklärt die Mutter.

Wegen der Pandemie kommt Sven kaum raus

Seit der Corona-Pandemie ist es schwieriger für Sven geworden, nach draußen zu kommen. Das Haus der Christophs hat einen Garten, in dem er den Sommer verbracht hat. Weil er im Moment jedoch die ganze Zeit zuhause verbringen muss, spielt er Videospiele auf seiner Playstation und dem Nintendo: „Animal Crossing“, „Minecraft“ und „Luigi’s Mansion“ – das hat ihm sein großer Bruder letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt.

Momentan seien Besuche sehr schwierig. Auch einkaufen gehen könne Sven nicht. Dazu sei sein Immunsystem zu geschwächt, erklärt Natascha. Ob sie heute wieder Tacosalat machen können, fragt Sven. „Dazu habe ich die Zutaten nicht“, erwidert seine Mutter. „Wir können einkaufen gehen“, sagt Sven. „Das geht gerade nicht, das weißt du doch“, antwortet Natascha.

Wieder am Meer sein

In den letzten sechs Jahren habe die Familie kaum etwas Schönes erlebt, sagt die Mutter. Sie wünscht sich,

„dass wir etwas Schönes bekommen.“

Dass ihr Sohn wieder am Meer sitzen kann und dass die ganze Familie mal eine Auszeit bekommt und endlich abschalten kann. Das ist längst überfällig. Doch weil ihr Mann Alleinverdiener ist und die Familie das Haus finanzieren muss, können sie sich trotz seiner beiden Jobs keinen Urlaub leisten.

„Sven möchte Delfine sehen“,

sagt Natascha. Diesen Wunsch will sie ihrem Sohn unbedingt erfüllen.

 

Fotos: Natascha Christoph

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