Sind hier alle sicher unterwegs? Alexander Walter fährt mit DLRG-Kollegen mit einer Bootsstreife über den Neckar.
Uwe Anspach/dpa
Sind hier alle sicher unterwegs? Alexander Walter fährt mit DLRG-Kollegen mit einer Bootsstreife über den Neckar.
Lebensretter im Einsatz

8 Einsätze in 10 Tagen: Warum die DLRG viel zu tun hat

Im Juni ertranken allein im Südwesten 13 Menschen. Die Rettungsschwimmer der DLRG halten an vielen Seen und Flüssen Wache - auch in Heidelberg. Wen sie besonders im Auge behalten und wovor sie warnen.

Von einem Moment auf den anderen muss Alexander Walter in den Einsatz: Vom Wachturm auf den Heidelberger Neckarwiesen ruft ihm ein Kollege zu, dass junge Männer weit raus auf den Neckar schwimmen. Eine gefährliche Idee, wie der Rettungsschwimmer später erklärt, denn in der Mitte des Flusses verläuft die Schifffahrtsrinne und auf dem Neckar sind auch große Binnenschiffe unterwegs. Walter springt mit zwei Kollegen in eines der DLRG-Boote und fährt den Männern nach. Das Boot holt sie ein und eskortiert die Männer zurück an Land.

Alexander Walter ist heute zusammen mit sieben weiteren DLRG-Mitgliedern Wachgänger am Neckarufer in Heidelberg. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwartet heute bis zu 33 Grad für Heidelberg und wenn es so heiß ist, hat die Wachmannschaft gut zu tun.

In Baden-Württemberg sind nach Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) allein im Juni 13 Menschen ertrunken. «Der tragische Start in die Badesaison gibt Anlass zur Sorge, dass bei weiteren Hitzewellen im Hochsommer erneut viele Menschen ihr Leben im Wasser verlieren könnten», sagte DLRG-Präsidentin Ute Vogt. 

Doch wer ist von den Badeunfällen vor allem betroffen? Was rät die DLRG, um den Gefahren zu entgehen?

Badetote fast immer Männer

Die meisten Badetoten im Juni sind deutschlandweit laut DLRG junge Menschen gewesen. Und dabei besonders auffällig: «Über 90 Prozent der Todesopfer im Juni waren männlich», sagte Vogt. In Baden-Württemberg waren elf der 13 Toten Männer. «Wir appellieren deshalb besonders an Jungen und Männer, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen und auf riskante Aktionen zu verzichten.»

Zurück zu den zwei jungen Männern, die beinahe in der Schifffahrtsrinne des Neckars gelandet wären: Am sicheren Rand des Neckars erklärt Walter ihnen, wie gefährlich es war, einfach auf den Neckar rauszuschwimmen. Die beiden Männer sind überrascht, darüber hätten sie gar nicht nachgedacht, erklären sie. 

Der Psychologe Florian Stoeck vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen sieht Selbstüberschätzung bei Männern als mögliche Ursache dafür. «Männer schätzen ihre körperlichen Fähigkeiten und ihre Kontrolle über potenziell gefährliche Situationen im Vergleich häufig optimistischer ein», erklärte Stoeck dazu. Auf einen einzigen Faktor lasse sich die Häufung männlicher Badetoter aber nicht reduzieren. «Auch andere Rahmenbedingungen dürften eine Rolle spielen: Männer schwimmen häufiger allein und gehen vermutlich höhere Risiken ein», so Stoeck.

Selbstüberschätzung, Nichtschwimmer und medizinische Notfälle

Die Rettungsschwimmer in Heidelberg teilen sich auf und beobachten das Geschehen am und im Wasser vom Land aus, versorgen Erste-Hilfe-Notfälle und fahren Streife mit dem Boot über den Neckar. Bei einer Bootsstreife entdeckt Walter eine Gruppe Kinder im Wasser. Er stoppt das Boot und ruft ihnen zu: «Hey, könnt ihr schwimmen?» Kinder habe man immer besonders im Auge, wie seine Kollegin Jennifer Brenner erklärt. Aber auch auf alte oder unsichere Leute. 

Die Heidelberger Retter hatten in letzter Zeit gut zu tun: «Also gerade jetzt in den warmen Tagen hatten wir innerhalb von zehn Tagen insgesamt acht Wasserrettungseinsätze», erzählt Walter. Unter anderem wegen Vermisstensuchen, Ertrinkungsfällen, Brückenspringern und auch einer Totenbergung hatte man ausrücken müssen. «Das sind leider so gängige Dinge, die in so einem warmen Sommer dann doch gehäuft auftreten», meint Walter.

Die DLRG nennt als Ursachen für Badeunfälle vor allem fehlendes Schwimmvermögen, Selbstüberschätzung, Sprünge in zu flache, trübe Gewässer und medizinische Notfälle. «Viele Menschen unterschätzen Gefahren, vor allem Strömungen und den Temperaturunterschied beim übereifrigen Gang oder Sprung ins Wasser», hieß es weiter. 

Ein Rechtsmediziner des Universitätsklinikums Heidelberg erklärte dazu: «Aus Augenzeugenberichten weiß man, dass ein relevanter Überlebenskampf beim Ertrinken eher selten ist. Häufig wird ein relativ schnelles Versinken der Betroffenen im Wasser beobachtet.» Ertrinken sei eine Form des Erstickens, bei der Wasser in die Atemwege gelange. Meistens passiere das durch einen Unfall. Wenn ein Mensch plötzlich einfach untergehe, könne das aber auch an einem Reflex liegen, bei dem beim Eintauchen in Wasser oder wenn Wasser eingeatmet wird, plötzlich die Atmung aussetze. Genauso sei es möglich, dass sich der Gesundheitszustand von Menschen mit Herz- oder Gefäßerkrankungen stark verschlechtere, wenn sie ins Wasser gehen, was ebenfalls zu einer Notsituation führen kann. 

Auch Schwimmbäder rüsten bei Hitze auf

«Die Tatsache, dass an überdurchschnittlich heißen Badetagen höhere Todeszahlen zu beklagen sind, bestätigen die jüngsten Erfahrungen aus dieser Saison», erklärte auch der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für das Bäderwesen, Christian Mankel. 

Die meisten tödlichen Badeunfälle ereigneten sich der DLRG zufolge im Juni in Seen, gefolgt von Flüssen. Zwei Menschen starben landesweit in Schwimmbädern. Badbetreiber rüsten ebenfalls an heißen Tagen mit mehr Personal auf.

Von Jennifer Kramer, dpa
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