Weil er eine Kippa trug, wurde ein Mann in Reutlingen auf der Straße angefeindet.
Bernd Weißbrod/dpa
Weil er eine Kippa trug, wurde ein Mann in Reutlingen auf der Straße angefeindet.
Antisemitische Vorfälle

Bericht zeigt: Das erleben Juden im Südwesten im Alltag

Dass Juden in Baden-Württemberg im Alltag oft Anfeindungen ausgesetzt sind, ist nicht neu. Nun hat eine Organisation einen Bericht vorgelegt, in dem einige Fälle geschildert werden. Ein Überblick.

In Kehl werden vier Juden vor einem Gebetsraum bespuckt, der Unbekannte ruft «Fuck Israel» und «Free Palastine». In Südbaden wird ein jüdischer Schüler gemobbt und die Treppe hinuntergestoßen, seine Mitschüler rufen ihm zu: «Es interessiert niemanden, wenn du stirbst». In Reutlingen beleidigt ein Mann auf offener Straße zwei als Juden erkennbare Personen als «Schwuchtel» und «Scheißjuden» und fordert einen Mann auf, seine Kippa zu verdecken. 

Drei Fälle aus 2025, die die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) in ihrem ersten Jahresbericht zu antisemitischen Vorfällen im Südwesten gesammelt hat. 335 Vorfälle hat die Stelle erfasst, sie spielen in allen Ecken des Landes, ebenso in der Stadt wie auf dem Land. In 16 Fällen wurden demnach Menschen angegriffen, in 31 Fällen kam es zu Sachbeschädigungen. 

Die Polizei erfasste im vergangenen Jahr 575 antisemitische Straftaten in Baden-Württemberg - und damit etwas weniger als 2024. Die Zahlen unterscheiden sich von denen der Meldestelle. Rias erfasst nur Fälle, die Zeugen und Betroffene melden - auch solche, die nicht strafbar sind. Einen Austausch zwischen den Behörden und der Meldestelle gibt es derzeit nicht. Ob die Fälle also teilweise auch in der Kriminalstatistik erfasst sind, ist nicht klar. 

Ein Überblick über die wichtigsten Befunde des neuen Berichts: 

Nahost-Konflikt spielt wichtige Rolle

Die meisten Vorfälle ordnete Rias dem sogenannten «israelbezogenen Antisemitismus» zu. In etwa 70 Prozent der Fälle hätten sich die Vorfälle auf den Staat Israel bezogen. Es sei etwa dessen Vernichtung gefordert worden oder Jüdinnen und Juden, deren Gemeinden oder Institutionen seien angefeindet und für das Handeln Israels verantwortlich gemacht worden. 

Das kann dem Bericht zufolge auch nichtjüdische Menschen treffen. In Freiburg sei etwa ein Restaurant, das israelische Spezialitäten anbietet, mit rohen Eiern beworfen worden. Der Betreiber sei weder Jude noch Israeli, hieß es. 

Dass die Konflikte und Kriege im Nahen Osten zu einer Zunahme antisemitischer Vorfälle geführt haben, zeigen auch die offiziellen Zahlen der Kriminalstatistik. Im Jahr 2023 erfasste die Polizei 668 antisemitische Straftaten im Südwesten. Das Ministerium führte das damals auf die Ereignisse nach dem 7. Oktober 2023 zurück, den Tag des Überfalls der radikal-islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel. Zum Vergleich: 2017 waren es in Baden-Württemberg lediglich 99 Fälle.

Antisemitismus trifft Juden im Alltag

Die meisten Anfeindungen und Übergriffe erleben Jüdinnen und Juden dem Bericht zufolge in ihrem Alltag. Die überwiegende Mehrheit der erfassten Vorfälle ereigneten sich demnach auf der Straße. Außerdem gab es Vorfälle im Internet und in Bildungseinrichtungen. Für Jüdinnen und Juden habe das Folgen: «Sichtbarkeit ist für viele Jüdinnen und Juden eine tägliche Abwägung», sagte Projektleiter Robert Ogman bei der Vorstellung des Berichts. 

Die Zahlen belegten, was man seit Jahren schon spüre, sagte Barbara Traub, Vorstandsprecherin der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. Man stelle schon länger fest, dass sich Gemeindemitglieder immer häufiger zurückzögen. Familien meldeten etwa ihre Kinder von Religionsunterricht ab aus Angst, dass sonst aus dem Zeugnis hervorgehen würde, dass sie jüdisch seien. 

Auch wenn die Zahlen der Kriminalstatistik im vergangenen Jahr im Südwesten von 590 auf 575 Fälle leicht zurückgegangen sind - das Gefühl der Betroffenen ist weiter schlecht, sagt Traub. Man nehme wahr, dass das Bedrohungsgefühl weiter hoch sei. Auf Bundesebene zeigen die Zahlen von Rias zudem keinen Rückgang der Vorfälle zwischen 2024 und 2025. 

Vorfälle häufig bei Demonstrationen

Im Schnitt erfasste Rias im vergangenen Jahr mehr als zwei Versammlungen pro Woche, auf denen es zu antisemitischen Vorfällen kam, heißt es im Bericht. Die erfassten Vorfälle gingen auf Meldungen von Zeugen oder aufgrund von Fotos und Videos zurück. Man gehe deswegen von einem großen Dunkelfeld aus. Blieben solche Parolen bei Demonstrationen unwidersprochen, dann würden sie zur Normalisierung von Antisemitismus beitragen, hieß es.

Besonders oft erfasste Rias antisemitische Vorfälle bei Demonstrationen, die in Bezug zum Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 standen. So seien etwa bei einer Demonstration des DGB zum 1. Mai in Mannheim von einigen Gruppen Raketenangriffe der Huthi-Milizen auf Israel begrüßt worden, heißt es in dem Bericht. Mannheim ist demnach auch der Hotspot für antisemitische Vorfälle bei Demonstrationen. Etwa ein Drittel der landesweiten Vorfälle sei dort registriert worden.

Schulen und Hochschulen oft betroffen

40 Fälle erfasste die Meldestelle im vergangenen Jahr an Schulen und Hochschulen im Land. Aus Sicht von Projektleiter Ogman wiegen diese Fälle besonders schwer. Schulen seien zentrale Orte gesellschaftlicher Teilhabe. Zudem könnten Schüler, Studierende oder Angestellte antisemitischen Vorfällen dort kaum ausweichen. 

Der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung, Michael Blume, geht davon aus, dass vor allem Hochschulen mit geisteswissenschaftlicher Ausrichtung betroffen sind. Diese würde häufig von einzelnen Gruppen als Bühne benutzt, so die Beobachtung von Blume.

Von David Nau, dpa
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