Von Scarlett fehlt weiter jede Spur. (Archivbild)
Bernd Weißbrod/dpa
Von Scarlett fehlt weiter jede Spur. (Archivbild)
Zwischen Angst und Hoffnung

Fall Scarlett: Wenn das eigene Kind spurlos verschwindet

Vor sechs Jahren verschwand die damals 26-jährige Scarlett - ihr Vater sucht weiterhin nach ihr. Was macht es mit Eltern, wenn das eigene Kind spurlos verschwindet? Eine Psychologin ordnet ein.

Vor sechs Jahren verschwand die damals 26-jährige Scarlett Salice aus dem ostwestfälischen Bad Lippspringe beim Wandern im Südschwarzwald. Sie war zur letzten Etappe einer Wandertour auf dem Schluchtensteig aufgebrochen. Zuletzt gesehen wurde sie auf Überwachungsaufnahmen eines Supermarkts in Todtmoos. Bis heute fehlt von ihr jede Spur. Neben einem breiten Netzwerk an Freiwilligen fährt auch ihr Vater regelmäßig in die Region, um nach ihr zu suchen. Was aber macht es mit Eltern, deren Kind einfach verschwindet - ohne jegliche Erklärung?

Zunächst herrsche nach einem Verschwinden Schock, sagt die Psychologin Elif Gündüz vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Werde klar, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss, reagierten Menschen sehr unterschiedlich: «Manche erstarren ganz zu Beginn, und/oder kommen ins Agieren: "Ich mache was, ich kämpfe, ich suche"», so Gündüz. 

Bundesweit waren zum Jahresbeginn laut Bundeskriminalamt rund 9.100 Menschen als vermisst gemeldet. Die meisten Fälle klären sich rasch: Etwa die Hälfte erledigt sich demnach binnen einer Woche, nach einem Monat läge die Quote bereits bei mehr als 80 Prozent. Nur rund drei Prozent der Vermissten bleiben länger als ein Jahr verschwunden – dazu zählt auch Scarlett.

Kein echter Abschluss möglich

Besonders belastend für betroffene Eltern seien dabei widersprüchliche Gefühle, erläuterte Gündüz: «Hoffnung und Angst sind gleichzeitig da, und das ist das besonders Quälende.» Es gebe quasi eine Pendelbewegung zwischen diesen Emotionen - eine Ambivalenz, die zermürben könne, weil ein Aufgeben der Hoffnung sich anfühle, als gebe man auch sein Kind auf.

Anders als bei einem Todesfall gebe es bei einem ungeklärten Verschwinden keinen echten Abschluss, so die Psychologin. Ein Weg könne daher sein, nicht das Schicksal des Kindes zu akzeptieren, sondern die Ungewissheit selbst: «Ich akzeptiere, dass es aktuell, in naher Zukunft oder vielleicht auch für immer keine Gewissheit geben wird.» Die Hoffnung müsse dabei nicht verschwinden - wohl aber die dauerhafte Alarmbereitschaft, damit Betroffene über die Jahre handlungsfähig blieben.

Neben Angst und Hoffnung gebe es bei vielen Betroffenen auch verdrängte Wut, so die Psychologin – etwa auf die unbekannte Person, die für das Verschwinden verantwortlich sein könnte. Diese diffuse Wut sei ebenso real wie die Angst, werde aber oft weniger offen thematisiert. Man dürfe zudem nicht mit den Verschwundenen selbst mit verschwinden, so Gündüz. Auch Momente der Freude oder Erholung seien kein Verrat. Im Gegenteil: Weder für die Person, die verschwunden ist, noch für einen selbst sei es hilfreich, das eigene Leben aufzugeben.

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