Hitze, volle Seen – warum dennoch weniger Menschen ertrinken
Rekordhitze, volle Strände – da überraschen die jüngsten Zahlen der Lebensretter zu den Ertrunkenen in baden-württembergischen Flüssen, Bädern und Seen. Was steckt dahinter.
Rekordhitze, volle Strände – da überraschen die jüngsten Zahlen der Lebensretter zu den Ertrunkenen in baden-württembergischen Flüssen, Bädern und Seen. Was steckt dahinter.
Die anhaltende Hitze treibt die Menschen ans Wasser. Endlich rein ins kühle Nass. An den Seen wird es voll, in den Freibädern ohnehin. Eigentlich müsste damit auch die Gefahr tödlicher Unfälle in Baden-Württemberg steigen.
Doch die Bilanz der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) erzählt für Baden-Württemberg eine andere Geschichte: In den ersten sieben Monaten sind 26 Menschen ertrunken - das sind zwei weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im gesamten vergangenen Jahr ertranken im Südwesten 43 Menschen in Flüssen, Bädern oder Seen, 5 weniger als im Jahr zuvor.
Bundesweit steigen die Zahlen
Das überrascht nicht nur beim Blick auf das Wetter, sondern auch angesichts der bundesweiten Zahlen. Denn in Gewässern zwischen Nordsee und Alpen sind in den ersten sieben Monaten spürbar mehr Menschen ertrunken als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Badetoten stieg auf 261 - 15 mehr als zuvor, wie die DLRG als nach eigenen Angaben größte Wasserrettungsorganisation der Welt mitteilte.
Warum aber sinkt die Zahl ausgerechnet in Baden-Württemberg, obwohl die Temperaturen hier seit Wochen zu den höchsten im Land zählen? Der Blick auf die Statistik verrät: An der Hitze liegt es nicht, denn die extremen Temperaturen hatten durchaus ihre Folgen. Vor allem im Monat Juni konnte die Lust auf das kühle Nass in diesem Jahr lebensgefährlich sein.
DLRG-Präsidentin: «Dramatischer Anstieg»
Insgesamt starben im Juni 13 Menschen in baden-württembergischen Gewässern, das ist laut Verband der höchste Wert für diesen Monat seit 25 Jahren in Baden-Württemberg. Auch im Vergleich zum Juni des Vorjahres war das eine alarmierende Zahl: Damals ertranken laut DLRG landesweit sieben Menschen - etwa halb so viele. DLRG-Präsidentin Ute Vogt spricht von einem auch bundesweit «dramatischen Anstieg» im Juni.
«Je heißer es ist, desto mehr zieht es Menschen ans Wasser», sagte sie und rief dazu auf, dort schwimmen zu gehen, wo es bewachte Badestellen gibt. Die Zahlen sind in den meisten anderen Monaten zurückgegangen oder stagniert.
Oft leichtsinnig und angetrunken
Vor allem im Sommer wird aus Sicht der DLRG-Lebensretter das Risiko bei schwüler Hitze oder strahlendem Sonnenschein immer wieder unterschätzt. Besonders gefährlich kann das für Menschen sein, die sich überschätzen oder die nicht oder nur unsicher schwimmen, die angetrunken ins Wasser gehen oder unter dem Einfluss anderer Drogen stehen. «Es gibt im Badesee keinen Preis zu gewinnen, aber das Leben zu verlieren», warnte Vogt.
Gefährdet ist laut DLRG vor allem die Gruppe junger Menschen im Alter zwischen 21 und 30. Sechs von ihnen kamen bislang im Südwesten ums Leben (+1 ), die meisten waren männlich. Sechs Todesopfer waren älter als 70 Jahre (+1). Bei älteren Schwimmern sind immer wieder gesundheitliche Vorerkrankungen ursächlich für Badeunfälle, aber auch Selbstüberschätzung und unzureichende Vorsicht.
Die meisten Todesfälle gab es erneut an Seen. Dort starben seit Jahresbeginn 14 Menschen (+4). Allerdings werden Seen auch besonders häufig zum Baden genutzt. In Flüssen sank die Zahl dagegen deutlich von 13 auf 6. In Schwimmbädern blieb sie mit 3 Toten unverändert.
Vogt: Eltern passen oft nicht gut genug auf
Angesichts von bundesweit acht toten Kindern im Alter bis zehn Jahren sprach Vogt von häufigen Momenten der Unachtsamkeit der Eltern. Badbetreiber verlangten daher des Öfteren von Jungen und Mädchen, Schwimmflügel zu tragen - oder ein Schwimmabzeichen nachzuweisen. Der Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister, Peter Harzheim, warnte Eltern in der «Rheinischen Post» davor, im Freibad ihr Smartphone zu nutzen: «Diese Smartphones in Freibädern sind eine Katastrophe.»
Doch das ist nicht alles: Nach wie vor lernen nach DLRG-Einschätzung zu wenig Kinder das Schwimmen. «Wir gehen davon aus, dass weiterhin die Mehrheit der Kinder die Grundschule verlässt, ohne ein Schwimmabzeichen abgelegt zu haben, beziehungsweise das zu können», betonte Vogt.
Das sieht der DLRG Württemberg ähnlich. «Es gibt immer weniger Wasserflächen, um auszubilden», sagte ihr Sprecher Bastian Hess. In Schulen gebe es auch zunehmend weniger Schwimmunterricht, Kinder lernten immer später oder gar nicht schwimmen. «Viele gehen auch kaum noch raus und surfen lieber durchs Internet.» Es gebe aber durchaus auch Interesse: «Unsere Kurse sind brechend voll», sagte Hess. «Wir haben lange Wartelisten und teils jahrelange Wartezeiten.»
DLRG fordert: Mehr Geld in marode Schwimmbäder stecken
DLRG-Präsidentin Vogt erklärte, nachhaltig besser dürfte die Lage erst werden, wenn Bund, Länder und Kommunen flächendeckend mehr in marode Schwimmbäder und in Schwimmunterricht an den Schulen investierten. Der Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister sieht noch ein Problem: «Uns fehlen mehr als 3000 Bademeister», betonte er. «Wegen des Personalmangels müssen die Öffnungszeiten in Schwimmbädern verkürzt werden. Darunter leidet wiederum die Schwimmfähigkeit junger Menschen.»
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