Rettungsdienste warnen: Bagatellfälle belasten Versorgung
Immer mehr Rettungswagen-Einsätze in Baden-Württemberg: Auch bei harmlosen Beschwerden wird Hilfe gerufen. Das entwickelt sich zur Belastung für die Sanitäter und die Notfallversorgung.
Immer mehr Rettungswagen-Einsätze in Baden-Württemberg: Auch bei harmlosen Beschwerden wird Hilfe gerufen. Das entwickelt sich zur Belastung für die Sanitäter und die Notfallversorgung.
Die Zahl der Einsatzfahrten steigt nach Angaben der Rettungsdienste in Baden-Württemberg seit Jahren kontinuierlich. Das ist problematisch und hat auch etwas mit zunehmenden Lücken im Gesundheitswesen zu tun. Und mit den Veränderungen innerhalb unserer Gesellschaft.
Wie oft rücken Kranken- und Rettungswagen denn aus?
Das ist unterschiedlich. Generell sei zu sagen, dass die Zahl der Einsätze mit Notarzt zwar zurückgeht und die der reinen Krankentransporte stagniert, berichtet ein Sprecher des Medizinischen Dienstes Baden-Württemberg. Die Zahl der Einsätze mit Rettungswagen jedoch - das sind Fahrzeuge, die wie eine kleine Intensivstation ausgerüstet sind - und damit die Gesamtzahl aller Einsätze steige an, sagt er. Auch der Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) berichtet dies.
Im Jahr 2024 - die Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor - gab es insgesamt rund 1,17 Millionen Einsätze mit Rettungswagen, im Jahr davor waren es knapp 1,14 Millionen. Die Zahlen werden von der Stelle zur trägerübergreifenden Qualitätssicherung im Rettungsdienst Baden-Württemberg, kurz SQR-BW, erhoben.
Was ist die Ursache für gestiegene Einsatzzahlen?
Rettungsdienste werden nicht nur in akuten Notlagen gerufen. Sondern immer öfter auch etwa wegen Bauchschmerzen oder Erkältungssymptomen, die sich hinterher als harmlos erweisen. Wenn jemand beispielsweise bei sich einen erhöhten Blutdruck misst, sei das nicht zwingend ein Grund, den Rettungswagen zu rufen, sagt der Leiter der Malteser-Rettungsdienste in Freiburg, Daniel Hierholzer. Für die Patienten sei es zudem auch immer schwieriger, bei von ihnen als bedrohlich empfundenen Beschwerden Hilfe und Unterstützung zu erhalten - etwa von Familienangehörigen oder Nachbarn, erläutert der Sprecher des DRK-Landesverbandes, Udo Bangerter.
Zudem spiele der Hausärztemangel eine Rolle, da sich Patienten dann im Zweifel an den Rettungsdienst wenden. Auch Fachärzte seien zunehmend nicht greifbar. Menschen, die sich in Not fühlten, riefen dann die Leitstelle an, die jemanden hinschicken muss. «Das führt dann zu Einsätzen, die das System zunehmend belasten», so Hierholzer.
Ein wesentlicher Faktor sei auch die «abnehmende Selbsthilfefähigkeit in Teilen der Bevölkerung», sagt ein Sprecher des Johanniter-Landesverbandes Baden-Württemberg. «Wenn ich keine Verwandten mehr habe und keinen Hausarzt mehr, der auch Hausbesuche macht, dann ist die Panik schnell groß», sagt Bangerter.
Welche Probleme bringt das mit sich?
Für die Sanitäter ist das schwer zu stemmen und manchmal auch frustrierend. «Die Menge an Einsätzen führt auch zu Abwanderung von Personal, weil die Dauer, die Menge und die damit verbundene Einsatzzeit sehr hoch ist», sagt ein Sprecher der Malteser. «Einsatzkräfte suchen sich nicht selten eine Beschäftigung außerhalb des Rettungsdienstes.» Die Gesamtzahl der Einsätze sei schlicht zu hoch, ergänzt DRK-Sprecher Bangerter.
Nach Worten von Bangerter sind die hoch qualifizierten Sanitäter zudem nicht selten frustriert, wenn sie mit einem Rettungswagen zu einem vermeintlichen Notfall ausrücken, der dann gar keiner ist. «Dann sind die innerlich schon sauer», sagt er. Hinzukomme, dass der Beruf generell sehr anspruchsvoll und durch den Schichtdienst auch belastend sei. Vor allem in Ballungsräumen seien die Sanitäter mit den Rettungswagen quasi ununterbrochen unterwegs.
Was könnte man ändern?
«Wir haben eigentlich eine sehr gute und effiziente Notfallversorgung», sagt Hierholzer. Wichtig sei aber beispielsweise, bei der Einsatzplanung nachzusteuern. Dabei soll ein Gutachten helfen, das der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Baden-Württemberg in Auftrag gegeben hat und für das die SQR-BaWü Zahlen und Daten der Notfallrettung zur Verfügung stellt.
Geklärt werden soll damit unter anderem erstmals landesweit, wo und in welchem Umfang Rettungswagen stationiert sind, um Einsätze besser koordinieren zu können, wie der stellvertretende ASB-Landesgeschäftsführer Daniel Groß sagt.
Wie sieht es mit den Kosten für Notfalleinsätze aus?
Die wurden von den Kassen in der Regel bisher übernommen. Die Rettungsdienste verhandelten mit den Kassen dafür Budgets, sagt Bangerter. Dann schaue man im Nachhinein, ob die dem Budget zugrunde gelegte Einsatzzahl erreicht wurde. Wenn die Zahl nicht erreicht wird oder darüberliegt, wurde im Nachgang angepasst.
Durch das neue GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz droht jedoch nach Angaben des DRK-Landesverbandes eine Schieflage: Das neue Gesetz sieht vor, die Refinanzierung der Leistungen auf Basis der entstandenen Kosten zu beenden oder zumindest zu deckeln.
Welche Folgen die Neuregelung für Baden-Württemberg hat, ist nach Worten von Bangerter und Groß bisher nicht absehbar. Möglicherweise würden Kommunen dann stärker in die Pflicht genommen werden oder Rettungsdienste in Vorleistung gehen müssen, bevor sie überhaupt Kosten bei den Kassen geltend machen. «Auf jeden Fall bringt uns das in eine gefährliche Lage.»
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