Ein Oberleitungsbus fährt durch die Innenstadt von Solingen. (Archivbild)
Henning Kaiser/dpa
Ein Oberleitungsbus fährt durch die Innenstadt von Solingen. (Archivbild)
Weg von der Leine?

Solinger O-Bus droht Aus - Bleiben nur zwei Städte übrig?

Im Volksmund heißen sie zuweilen auch Strippenbus oder Stangentaxi. Werden O-Busse auf lange Sicht nur noch in Esslingen und Eberswalde rollen? Im November fällt in Solingen eine Entscheidung.

Es gibt sie nur in drei Städten Deutschlands, sie sehen wie eine Mischung von Straßenbahn und Bus aus und Solingen gilt bisher als die Nummer 1: Oberleitungsbusse prägen den öffentlichen Nahverkehr und das Stadtbild. Mit ihren Abnehmerstangen auf dem Dach zapfen sie Strom aus einem Netz von Leitungen über der Fahrbahn. Während in Solingen das System auf der Kippe steht, hält Esslingen daran fest und baut das System weiter aus. 

Wie alles anfing

Kein Geringerer als der Erfinder, Unternehmer und Konzernbegründer Werner von Siemens wird zu den geistigen Vätern der O-Busse gezählt. Bereits 1882 stellte er ein Versuchsfahrzeug im Raum Berlin vor, das seinen Strom aus einer Oberleitung bekam. Das brandenburgische Eberswalde bei Berlin sieht sich mit einer ersten, allerdings nur wenige Monate verkehrenden O-Bus-Linie 1901 sehr weit vorn. Im Jahr 1940 lösten dort schließlich O-Busse eine Straßenbahn ab. 

Auswirkung von Kriegsfolgen 

Auch in Esslingen lösten O-Busse 1944 eine Straßenbahn ab. Während des Zweiten Weltkriegs konnten die Betriebsanlagen nicht mehr gewartet werden und die Straßenbahn wurde zu einem Verkehrshindernis, wie der Städtische Verkehrsbetrieb Esslingen in seiner Chronik berichtet. Esslingen wurde die erste Stadt in Württemberg, die ihre Straßenbahn durch O-Busse ersetzte, heißt es. Die Stadt am Neckar will demnächst nun eine der ersten in Deutschland sein, die ihr städtisches Streckennetz zu 100 Prozent rein elektrisch betreibt.

In Solingen lösten in den 1950er Jahren O-Busse die Straßenbahn ab. Für das neue System waren nach dem Krieg keine hohen Investitionen in Schienenwege erforderlich. Außerdem gelten die O-Busse als besonders umweltfreundlich. Das gilt nicht nur für die Fahrzeuge. Die Stadt Solingen etwa verweist beim Antrieb der O-Busse-Flotte auf Strom aus erneuerbarer Energie. Doch warum droht dem Oberleitungssystem in der Klingenstadt perspektivisch das Aus?

Studie zur Wirtschaftlichkeit 

Solingen steuert zwar ebenfalls eine 100-prozentige elektrischen Mobilität im Nahverkehr an. Eine Machbarkeitsstudie mit verschiedenen Varianten kommt aber zum Schluss: «Aus wirtschaftlicher Sicht ist langfristig eine vollständige Umstellung auf einen ausschließlichen Betrieb mit batterieelektrischen Bussen zu empfehlen.» Ausschlaggebend hierfür seien insbesondere die im Vergleich geringeren Betriebs- und Unterhaltungskosten sowie die vereinfachten infrastrukturellen Anforderungen eines einheitlichen Antriebssystems. 

Aus 3 werden 2?

O-Busse-Systeme gibt es hierzulande nur noch in den drei Städten. Spezielle Fahrzeuge und Oberleitungen seien erforderlich. «Da gibt es nichts von der Stange», sagt die Sprecherin der Stadtwerke Solingen, Katrin Schirrmacher. Das habe erheblichen Einfluss auf die Skalierfähigkeit von Bauteilen und Systemen und damit auch erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit dieses Systems. Parallel gebe es Fortschritte bei den batteriebetriebenen E-Bussen. Deshalb müsse geprüft werden, ob der «Sonderweg» zukunftsfähig sei. 

Entscheidung verschoben

Die anstehende Entscheidung des Rates in Solingen sorgt für viele Fragen und Diskussionen. Sie ist deshalb auf November verschoben worden. Nostalgie spielt dem Vernehmen nach ebenfalls eine Rolle. Ein möglicher Wechsel zum batteriebetriebenen System würde aber nicht von heute auf morgen erfolgen, betont Schirrmacher. Die Rede ist von einem Zeitraum von etwa 20 Jahren. Das technische Nutzungsende des bisherigen Systems würde dabei berücksichtigt. 

Die Solinger Busflotte ist aktuell gemischt. Die größte Gruppe sind 36 O-Busse mit zusätzlicher Batterie für Teilstrecken ohne Oberleitung. Weitere 24 dieser Busse sind bestellt. Zudem gibt es 27 O-Busse mit einem Diesel-Hilfsmotor. Darüber hinaus sind 46 Diesel-Busse im öffentlichen Nahverkehr im Einsatz.

Massenmarkt Batteriebusse 

Führt kein Weg am Systemwechsel in Solingen vorbei? «Als unausweichlich würde ich ihn derzeit nicht bezeichnen», sagt Prof. Benedikt Schmülling vom Lehrstuhl für Elektromobilität und Energiespeichersysteme der Uni Wuppertal. Die Oberleitung verursache Unterhaltungskosten, bietet aber auch Vorteile: Laden bei der Fahrt, kleinere Batterien und hohe betriebliche Verfügbarkeit. 

Langfristig würden reine Batteriebusse vermutlich immer wirtschaftlicher gegenüber den Oberleitungsbussen werden, da deren Anschaffungskosten durch die weltweit steigenden Produktionszahlen für Elektrofahrzeuge und auch für Batterien weiter sinken werden, erklärt der Wissenschaftler. Vermutlich gelte das auch für die Kosten der notwendigen Infrastruktur wie Ladestationen.

Entscheidung in Esslingen vor zwei Jahren

Der Esslinger Gemeinderat hat sich bereits vor knapp zwei Jahren für die Fortführung des Projekts entschieden. «Damit wird der Busverkehr bis Ende 2026 vollständig elektrifiziert und die vorhandene Oberleitungsinfrastruktur sinnvoll weitergenutzt werden», betont der Erste Bürgermeister Ingo Rust. Zuvor habe es eine Vergleichsrechnung gegeben, nach der die Fortführung des Batterie-Oberleitungsbuskonzepts für Esslingen unter den zugrunde gelegten Annahmen die geringere jährliche Belastung für die Stadt erwarten lasse. 

Spezifische Gegebenheiten vor Ort

«Die Ergebnisse aus Solingen lassen sich daher nicht unmittelbar auf Esslingen übertragen», sagt Rust. Welche Antriebstechnologie langfristig wirtschaftlicher ist, hänge unter anderem vom vorhandenen Infrastrukturstand, den örtlichen Streckenprofilen, den betrieblichen Anforderungen, den Investitionskosten und den jeweiligen Förderbedingungen ab. Maßgeblich sei deshalb eine Betrachtung des Gesamtsystems unter den konkreten Bedingungen vor Ort.

Von Volker Danisch, dpa
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