Während das Buch von Kästner ein «Jungens-Roman» mit entschlossenen Bengels war, wie man um 1930 herum zu sagen pflegte, ist die Filmversion fast hundert Jahre später wesentlich geschlechtergerechter.
Der kleine Dienstag ist jetzt ein Mädchen
Die Figur des kleinen Dienstags, ein reiches Kind, das im Buch für die Kinderdetektive als Telefonzentrale mit Festnetzanschluss fungiert, ist jetzt ein technisch versiertes Mädchen mit Smartphone (gespielt von Bela Louis Plass). Emil selbst hat nur ein «Kinder-Handy», also ein altes Mobiltelefon ohne Internet.
Um den Ganoven, der sich Max Grundeis nennt, verfolgen zu können, werden ihm im neuen Film einmal unauffällig moderne AirPods zugesteckt, damit er geortet werden kann. Der fiese Dieb wird gespielt von Merlin Sandmeyer («Die Discounter»). Der Schauspieler ist für seinen roten Oberlippenbart bekannt.
Statt auf normalen Fahrrädern oder mit einem Roller unterwegs zu sein, steigen die Kinder 2026 auch mal auf E-Scooter und kurven durchs sommerliche Kreuzberg. Auch mehrere auf einem Scooter - tz!
Statt aus Neustadt ist Emil jetzt aus Bernburg
Emil Tischbein stammt im Roman aus einem fiktiven Neustadt – Hauptsache deutsche Provinz, nicht näher spezifiziert. Im Film 2026 ist er in Bernburg (Saale) in Sachsen-Anhalt zu Hause.
Seine Mutter Anna Tischbein (Luise Heyer) ist von Beruf Friseurin, wie schon im Roman. Im Buch starb der Vater, ein Klempnermeister, als Emil fünf Jahre alt war. Im neuen Film war der Vater leitender Flugbegleiter (Purser) und kam unter nicht näher genannten Umständen vor ein paar Jahren ums Leben.
Im Roman von 1929 gibt die Mutter dem zwölfjährigen Emil 140 Mark Bargeld mit – zur finanziellen Unterstützung der Großmutter. 2026 sind daraus «über tausend Euro» geworden.
Emil fährt ICE statt alter ratternder Eisenbahn
Im Roman verlässt Emil in Berlin die Eisenbahn mit lauter Abteilwagen am Bahnhof Zoo; im Film 2026 reist er im modernen Schnellzug ICE und steigt am gläsernen und schrecklich unübersichtlichen Hauptbahnhof aus.
Alles in allem ist der neue Emil-Film eine authentischere Neuverfilmung als die Version von 2001. Vor 25 Jahren mimte Jürgen Vogel den Bösewicht. Einiges wurde damals am Stoff eher zum Schlechten verändert und auch aufgeblasen.
So lebte Emil etwa bei seinem Vater, der nach der Wende arbeitslos geworden ist (die Mutter war abgehauen und lebte mit neuem Mann in Kanada). Er besuchte in Berlin nicht seine Oma, sondern die Schwester seines Lehrers.
Im neuen Film, der besser ist, als sein Trailer vielleicht vermuten lässt, liegt der Schwerpunkt warmherzig auf den ursprünglichen Werten des Kästner-Buchs.
Das heißt: Sozial realistisch und auf Augenhöhe für Kinder wird gezeigt, wie wichtig Solidarität, echte Freundschaft, Mut und gemeinsames Reagieren im Kampf gegen bösartig handelnde Menschen sind.
Von Gregor Tholl, dpa
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