Doris Dörrie stellt in ihrem neuen Kinofilm einen Roboter an die Seite einer alten Dame.
Mathias Bothor/Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany/dpa
Doris Dörrie stellt in ihrem neuen Kinofilm einen Roboter an die Seite einer alten Dame.
Neu im Kino

Pflege und KI: Doris Dörrie zeigt berührende Zukunftsvision

Wodka-Verbot, Kühlschrank-Warnungen und eine rebellische Schauspielerin: Doris Dörrie hat eine Tragikomödie mit Tiefgang inszeniert über die Pflege im Zeichen der Künstlichen Intelligenz.

Ein netter Roboter als fürsorglicher Begleiter und Unterhalter für Oma? Praktisch und durchaus realistisch. Doris Dörrie stellt in ihrem neuen Kinofilm so einen Humanoiden an die Seite einer alten Dame, grandios gespielt von Josef Ellers und Schauspielikone Angela Winkler («Suspiria»). 

Liebe, Tod und Künstliche Intelligenz

Er soll sie pflegen, ihre Gesundheit überwachen und sie unterhalten, doch die Frau hat ihren eigenen Kopf und gerät mit der Künstlichen Intelligenz immer wieder aneinander, zu sehen in der unterhaltsamen und berührenden Tragikomödie «Frau Winkler verlässt das Haus», die im Jahr 2030 spielt. Warum es sich lohnt, dafür ins Kino zu gehen.

Doris Dörrie ist ein wunderbarer Film gelungen über existenzielle Themen: Verlust, Trauer, Altern in Würde, Krankheit und Sterben - aber auch über Liebe, Mitgefühl, Lebensfreude, Mut und starken Willen. Und all das in Zeiten der Künstlichen Intelligenz, die vieles davon imitiert und lernt und doch auch nicht ungefährlich ist. Denn anders als bei Menschen ist die KI auch berechnend und im Zweifel gnadenlos, wenn es darum geht, eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufzumachen, etwa bei Alten und Kranken. 

Frustrierte Mutter, gestresste Tochter

Angela Winkler und Laura Tonke («Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke») glänzen als Mutter-Tochter-Gespann. Die eine ist wütend, weil sie nach einem Unfall hilflos im Bett liegt und bei einfachsten Dingen auf Andere angewiesen ist. 

Und Tochter Emi ist gestresst, denn eigentlich ist sie gerade dabei, ihre Schauspielkarriere mit einer Rolle am Theater in Lübeck wieder in Schwung zu bringen. Und nun noch die Pflege ihrer Mutter? So ruht ihre Hoffnung auf dem Pflegeroboter, den die Pflegerin Selma (Via Jikeli) auf Krankenkassenkosten organisiert, der aber auch eine gefährliche Seite hat.

Täglich eine «Bitch Hour»

Doris Dörrie verpackt ein schwieriges Thema in eine interessante Geschichte, tiefgründig erzählt, aber auch mit viel Humor, denn Frau Winkler findet sich nicht einfach so mit ihrem Schicksal ab. Die ehemalige gefeierte Schauspielerin rebelliert und schimpft, sie probt den Aufstand, leidet, weint und tobt. So sehr, dass es sogar dem Roboter zu viel wird. «Es reicht mit ihrem ständigen Gemecker», stellt er lakonisch fest. «Ab jetzt nur noch eine Stunde am Tag. Bitch Hour!» 

Für den Pflegeroboter wollte Dörrie keine computergenerierte Figur, sondern einen echten Darsteller. So schlüpfte der österreichische Schauspieler und Tänzer Josef Ellers («Vienna Blood») in das Roboterkostüm und übernahm auch in Rückblenden den Part von Frau Winklers längst verstorbenem Ehemann Bruno, dessen Tod sie immer noch nicht verwunden hat und mit dem sie immer noch in Gedanken Zwiesprache hält. 

«Der Alkoholkonsum ist gesperrt»

Gerade die Szenen mit der Künstlichen Intelligenz sind amüsant. Im Jahr 2030 sind Roboter allgegenwärtig, sie laufen auf der Straße oder bedienen im Café. Und sind gnadenlos im Beachten von Regeln. Etwa, als Frau Winkler einen Wodka bestellt, der aber nach Meinung der KI nicht gut für sie ist. «Der Alkoholkonsum ist gesperrt», so die ernüchternde Auskunft der Roboter-Bedienung. Und zu Hause nervt der Kühlschrank mit dem ständigen Hinweis: «Das Haltbarkeitsdatum ihrer Lebensmittel ist gefährlich überschritten.» 

Ein Zauber des Films liegt auch darin, wie sich Frau Winkler und die Künstliche Intelligenz annähern. Denn dieser Roboter ist alles andere als seelenlos. Er lernt auch Gefühle - und kann sogar deprimiert sein. Und er weiß alles über Literatur (der Weite des Internets sei Dank). Als er aus Anton Pawlowitsch Tschechows Drama «Drei Schwestern» rezitiert, ist Frau Winkler begeistert, war es doch dieses Stück, dass sie einst mit Bruno am Theater spielte. Als der Roboter auch noch mit Brunos Stimme spricht, ist es um sie geschehen. Sie lässt sich auf eine ungewöhnliche Freundschaft ein und nennt ihren Roboter fortan Pawlowitsch. 

«Blaue Augen» und Lederjacke

Dabei wird klar: Frau Winkler war auch mal jung. Und sie hatte eine bewegte, wilde Jugend. Ihr Lieblingslied bis heute: «Blaue Augen» von Ideal aus dem Jahr 1980, das sich durch den Film zieht und in den leuchtend blauen Augen des Roboters widerspiegelt. «Ich bin sehr, sehr froh, dass Annette Humpe mir das Lied geschenkt hat, dass ich es verwenden durfte», sagt Dörrie im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Frau Winkler hat damals diese Musik gehört, sie war in Berlin in der Zeit, sie hat diese Lederjacke getragen, die sie immer noch hat, es war eine leichte, schöne Zeit für sie.»

Wenn der Tod sich rechnet

So schön könnte alles sein - doch die Künstliche Intelligenz ist eben doch nur ein Konstrukt aus Daten. «Dieser Roboter hat das eingebaute Programm, seinen Pflegling umzubringen, wenn es ihm schlechter geht», sagt Dörrie der dpa. «Die KI denkt folgerichtig und macht die Rechnung auf, die wir aber gesellschaftlich auch schon aufmachen. Was kosten uns all die Alten, Kranken und Pflegebedürftigen? Und wäre es nicht vielleicht kostengünstiger, wenn die alle früher sterben würden?» Dörrie ist sicher: «Die KI wird so rechnen. Und da müssen wir dann wirklich sehr aufpassen und auf jeden Fall international regulieren, aber auch die großen Techfirmen kontrollieren».

Von Cordula Dieckmann, dpa
© dpa-infocom, dpa:260930-930-765390/1
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

POST MALONE mit CIRCLES

RADIO REGENBOGEN

RADIO REGENBOGEN


Es läuft:
POST MALONE mit CIRCLES