Danach setzt die eigentliche Geschichte an. Wollner geht es aber nicht darum, die unmittelbaren Momente nach dem Tod bis zur Beerdigung auszustellen. Sie überspringt diese und zeigt stattdessen, wie Ella und die kleine Schwester Melli ein Jahr später versuchen, im Alltag zu funktionieren.
Von der Trauer im Alltag erdrückt
In einer Szene gießt Ella etwa die Blumen am Grab und telefoniert nebenbei. In einer anderen Szene liegt Melli abends im Bett und liest sich auf dem Handy den alten Chat mit ihrer toten Schwester durch. Dann schaut sie sich alte Kameraaufnahmen von Jessie als Kind an oder zockt ein Videospiel, das sie früher zusammen gespielt haben. Diese Momente berühren besonders, weil sie den Schmerz der Familie nicht dramatisch zur Schau stellen, sondern beobachtend auffangen. Dadurch wird der Schmerz in seiner Brutalität greifbar.
Als Lux auftaucht, nimmt der Film eine Wendung. Kurzerhand entschließt sich Ella, einen ursprünglich mit ihren Töchtern geplanten Urlaub nachzuholen. Mit Lux und Melli reist sie nach Teneriffa, wo unterdrückte Gefühle und Erinnerungen wieder an die Oberfläche kommen. Den gesamten Film über spürt man eine Beklommenheit, die sich im letzten Drittel entlädt. Die Gegenwart mischt sich mit (Camcorder)-Erinnerungen und surrealen Momenten.
Film erinnert von Bildsprache und Kamera an «Aftersun»
Stilistisch wird «Everytime» öfter mit dem Filmdrama «Aftersun» von Charlotte Wells mit Paul Mescal verglichen. Das ist wohl kein Zufall: Regisseurin Wollner hat sich den Kameramann Gregory Oke an die Seite geholt, der bereits bei «Aftersun» für die Kamera verantwortlich war. Oke fängt die gleißende Sonne und den Sommer in Berlin mit warmen Farben ein, lässt die Kamera oft beobachten.
Besonders Birgit Minichmayr verleiht ihrer Figur eine eindringliche Tiefe. Sie spielt Ella als eine Frau, die sich keine Zeit lässt zu trauern und stattdessen versucht, immer in Bewegung zu bleiben und zu funktionieren. Zu sehr ist sie damit beschäftigt, für ihre jüngere Tochter da zu sein oder auch Lux zu trösten, dem viele die Schuld an Jessies Tod geben. Auch ihr scheint es schwerzufallen, zu vergeben.
Wenn die Sonne innehält
Die drei Protagonisten des Films basierten auf Menschen und Konstellationen, denen sie an bestimmten Punkten ihres Lebens begegnet sei, sagte Wollner dem US-Magazin «The Hollywood Reporter». Sie seien aber eher «Nachbilder» dieser Menschen, die ein Eigenleben entwickelt hätten und denen sie hätte folgen müssen.
Interessiert habe sie die Frage, wie die Sonne nach so einer Tragödie wie im Film einfach weiter scheinen könne, also die Gleichgültigkeit des Universums. Man könne doch meinen, nach solch einem Vorfall solle die Welt doch so viel Anstand haben, stillzustehen. «Die Sonne hängt einfach weiter am Himmel und strahlt in schlichter, ahnungsloser Unschuld, als hätte sich nichts geändert, als wäre nichts geschehen.»
Und doch lässt Wollner die Sonne am Endes des Films am Himmel einfach stehen und nicht untergehen. Sie wirkt mit ihrer eckigen Form wie aus einem Videospiel entsprungen. Zumindest in «Everytime» scheint das Universum also dann doch innezuhalten.
Von Sabrina Szameitat, dpa
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