Travis Kelce und Taylor Swift gaben sich Anfang Juli das Ja-Wort. (Archivbild)
John Locher/AP/dpa
Travis Kelce und Taylor Swift gaben sich Anfang Juli das Ja-Wort. (Archivbild)
Gesellschaft

Wie die KI die Sehnsucht nach Promi-Hochzeiten stillt

Drei Monate nach der Megahochzeit von Taylor Swift und Travis Kelce gibt es immer noch keine Bilder. Gesehen hat man im Internet trotzdem welche - auch von anderen vermeintlichen Promihochzeiten.

Die Hochzeit dürfte die aufsehenerregendste des Jahres gewesen sein, doch noch immer gibt es von Superstar Taylor Swift und Travis Kelce (beide 36) keine offiziellen Hochzeitsfotos. Anfang Juli - vor drei Monaten - gaben sie sich das Ja-Wort, abgeschirmt in New York. Und eigentlich gibt es nur Fotos von schwarzen Autos, die zum Madison Square Garden fahren. Wäre da nicht etwas, was unsere Wahrnehmung bestimmt.

Denn online kursierten schon wenig später Bilder, die Swift als verträumte Braut zeigen, mit weißem Kleid und ihrem Football-Ehemann an der Seite. Hergestellt wurden diese Bilder mit Künstlicher Intelligenz (KI), sie sind also nicht echt. Mittlerweile kursieren auch KI-Hochzeitsbilder von anderen Paaren, die zu dem Zeitpunkt vielleicht noch gar nicht verheiratet waren oder (bislang) gar nicht erst verheiratet sind. 

Ein Beispiel sind Timothée Chalamet (30) und Kylie Jenner (29). Von dem Paar finden sich zum Beispiel auf der Plattform TikTok Fotos, die die beiden mit Ring und Jenner im weißen Kleid zeigen - obwohl es zumindest öffentlich keine Informationen über eine Verlobung oder gar eine Hochzeit gibt. Auch gefälschte KI-Bilder, die die beiden Hollywoodstars Tom Holland und Zendaya (beide 30) bei einer romantischen Zeremonie zeigen, sorgten vor Monaten für Gesprächsstoff, zumal Fans ohnehin schon über eine Hochzeit spekuliert hatten.

Hochzeitsbilder für viele frischvermählte Paare wichtig

Nun muss man ja schon sagen, dass Hochzeitsbilder für viele frischvermählte Paare essenziell sind. Und mit Sicherheit werden auch Swift und Kelce sehr viele gemacht haben, auch wenn sie die Öffentlichkeit bisher nicht zu sehen bekam. Werden sie vielleicht mal in einem Hochglanzmagazin veröffentlicht? Oder zu einem besonderen Datum? Oder wenn Swift irgendwann ein neues Album herausbringt?

Dass das Geheimnis so lange gewahrt bleibt, dürfte auch daran liegen, dass Gäste Medienberichten zufolge ihre Handys abgeben musste. Ein Konzept, das man etwa auch gut von bekannten Clubs in Berlin kennt. In Zeiten der Bilderflut wird etwas besonders, eben genau, weil kein Bild davon existiert. 

Die britische BBC etwa hat sich die KI-generierten Bilder von der Megahochzeit näher angeschaut. Die Bilder würden ein Informationsvakuum füllen, erklärte die britische Rundfunkanstalt. Während es keine offiziellen Informationen gebe und Menschen darauf warteten, würden Gerüchte und Spekulationen geschaffen. Und zur Hochzeit von Swift und Kelce wurde nur wenig bekannt.

Experte: Fans erschaffen sich mit KI-Bildern ihre gewünschte Realität

Medienwissenschaftler Marcel Lemmes ordnet das Phänomen, wieso Menschen solche KI-Bilder posten, ähnlich ein. «Im Grunde geht es um eine Form der visuellen Ersatzbefriedigung. Im Fall von Swift und Kelce gibt es ein riesiges öffentliches Interesse und eine Sehnsucht nach Hochzeitsfotos, aber es gibt eben keine offiziellen Bilder», erklärt er auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Die KI fülle dieses visuelle Vakuum.

Fans stillten bei Swift und Kelce ihren Bilder-Hunger, indem sie sich die gewünschte Realität einfach selbst erschaffen, so Lemmes. «Dazu kommt natürlich der Spaß am Gerüchte-Anheizen und die Aussicht auf hohe Interaktionsraten auf den eigenen Kanälen». Zwar habe er persönlich wenig von der Bilderwelle zur Hochzeit der beiden Stars wenig mitbekommen; dennoch halte er die Fotos generell für überzeugend.

«Die Beispiele, die aktuell kursieren, sind "gut genug", um den flüchtigen Blick auf das Smartphone-Display problemlos zu bestehen. Man darf nicht vergessen, wie wir Medien heute nutzen: Wir widmen einem Bild im Feed oft nur wenige Sekunden. In dieser Zeit findet freilich keine bewusste Analyse statt», findet der Experte. Da die KI von Beleuchtung über Hauttexturen bis zur Komposition alles quasi perfekt imitieren könne, wirkten die Bilder absolut authentisch - «und werden dann vielleicht bei der ein oder anderen Person auch als "echt" abgespeichert».

Wie man einen Fake erkennt

Umso schwieriger wird es, heutzutage ein Bild als Fälschung zu erkennen. Der Medienwissenschaftler rät daher dazu, «fast schon detektivisch zu arbeiten». Also etwa den Kontext zu beachten: «Wo wurde das Bild zuerst veröffentlicht? Gibt es seriöse Quellen? Passt das Ereignis zu mir bekanntem Vorwissen?» Im Fall von Kelce und Swift wissen Fans, dass auf den offiziellen Kanälen der Stars bislang noch keine Fotos der Hochzeit gepostet wurden. 

Bekannt hingegen ist immerhin, dass der Footballspieler bei einer Pressekonferenz seines Teams, den Kansas City Chiefs, nach der Hochzeit vom «schönsten Abend» seines Lebens schwärmte. Die Feier im New Yorker Madison Square Garden sei «eine verrückte Nacht» gewesen, sagte Kelce weiter. «Es wurde ausgiebig gefeiert.» Bekannt ist auch, dass Schauspieler Adam Sandler durch die Zeremonie führte und Swifts und Kelces Brüder Trauzeugen waren.

Gefahr einer «Kultur des permanenten Misstrauens»

Doch gerade wenn sich belegte Informationen und täuschend echte Bilder vermischen, stellt sich die Frage: Was ist die Gefahr dabei? Fallen wir künftig regelmäßig auf solche Fotos herein? Medienwissenschaftler Lemmes sieht das Hauptproblem woanders. Seiner Einschätzung zufolge könnten sich Menschen langfristig an eine «Kultur des permanenten Misstrauens» gewöhnen. Jeder werde irgendwann das Verständnis erlangen, dass man nicht jedem Bild im Internet einfach glauben könne. 

«Wenn wir wissen, dass alles (selbst harmlose Promi-Hochzeiten) täuschend echt gefaked sein könnte, projizieren wir diesen Zweifel zwangsläufig auch auf andere Bereiche - auf politische Bilder, auf Krisenberichterstattung, auf Beweismaterial. Das nagt am Fundament unseres Vertrauens in visuelle Medien insgesamt», so der Wissenschaftler. Eine gemeinsame Basis für gesellschaftliche Diskussionen werde so extrem schwierig. «Die Swift/Kelce-Bilder sind damit eher ein Symptom für eine tieferliegende Krise visueller Glaubwürdigkeit.»

Von Sabrina Szameitat und Julia Kilian, dpa
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