«Rubber Soul» zeigte laut Martin eine Verwandlung. «Es ist dieses Puppenstadium, in dem sie von vier Jungs zu Männern wurden.» Niemand habe sich in dieser Zeit so verwandelt wie die Beatles. Das Album mit akustischen Gitarren und einem ganz neuen Sound sei ein Wagnis gewesen. «Alles war ein Risiko. Aber sie haben nicht damit gerechnet, dass man 60 Jahre später noch über sie spricht. Das Risiko hat sich also ausgezahlt.»
Frisch, nicht modern
Martins Ansatz beim Mischen beginne mit einer simplen Beobachtung: Songs klängen nie so, wie man sie in Erinnerung hat. «Unser Gehirn füllt die Lücken», sagt er. «Ich versuche, in meinem Mix all das hörbar zu machen, was dir vielleicht gar nicht bewusst war.» Martin will großes Kino für die Ohren bieten - auch wenn man die Musik dann auf dem Handy hört.
Möglich macht das eine Technik, die das Team von Regisseur Peter Jackson («The Beatles: Get Back») entwickelt hat und mit der sich einzelne Instrumente aus alten Aufnahmen herauslösen lassen.
Modern klingen solle die Musik aber nicht, sondern frisch. «Das ist eine komplette Zeitreise. Das Band klingt genauso wie damals, als sie es aufgenommen haben.» McCartney sei damals 23 gewesen, sagt Martin. «Er sollte aus den Lautsprechern klingen wie ein 23-Jähriger. So einfach ist das.»
Musik der Beatles «nicht perfekt»
Kleine Makel in den Songs korrigiere er grundsätzlich nicht. «Es gibt jede Menge Fehler, aber ich korrigiere sie nie.» Was die Band gemacht habe, bleibe so. Martin warnt vor einer «perfekten, glattgebügelten Welt», in der etwa Künstliche Intelligenz alles vorgibt. «Mir sind Lücken im Wissen lieber, durch die Unkraut wachsen kann, durch die unabhängiges Denken wachsen kann.»
Genau das mache die Beatles aus. «Was ihre Musik zeitlos macht, ist, dass sie voller Fehler ist. Sie ist nicht perfekt», sagt Martin. «Jede Performance ist einzigartig. Wenn ich anfange, das zu verändern, dann regiert die Technologie und nicht die Band, nicht die Musiker.» Perfektionisten seien die Beatles ohnehin nicht gewesen. Sie seien einfach sehr gut gewesen. Schon der erste Take von «In My Life» klinge fast wie die veröffentlichte Version.
Neues aus dem Beatles-Archiv
Die Neuauflage von «Rubber Soul» enthält neben der neuen Stereo- und Dolby-Atmos-Fassung auch die originale Mono-Version und die damalige US-Ausgabe. Die großen Editionen bieten zudem zahlreiche bislang unveröffentlichte Demos und Studioaufnahmen, die die Beatles zum Teil sehr privat zeigen.
«Wenn ein Filmteam im Studio ist, verhält man sich anders. Bei Tonbändern gibt es keine Verstellung», sagt Martin. Er freut sich vor allem über einen langen Mitschnitt, in dem die Musiker miteinander reden. Solche Momente seien selten. Ringo Starr etwa sei kaum zu hören, weil er nie in der Nähe eines Mikrofons gewesen sei.
Eine echte Entdeckung ist «Little Girl», eine Song-Skizze von John Lennon, über die laut Plattenfirma bislang nicht einmal Gerüchte kursierten. Die Aufnahme stamme von einem privaten Tonband aus dem Besitz der Lennon-Familie, sagt Martin. Sie habe dumpf geklungen und sei nur behutsam bearbeitet worden. «Es ist wichtig, dass die Dinge so klingen, wie sie sind.»
Paul und Ringo haben das letzte Wort
Für April 2028 sind vier Spielfilme von Regisseur Sam Mendes angekündigt, einer über jedes Bandmitglied. Giles Martin ist als ausführender Musikproduzent dabei, verraten darf er nichts. «Ich habe letztes Mal Ärger bekommen», sagt er. «Ich glaube, sie werden großartig. Mehr kann ich nicht sagen.»
Bei «Rubber Soul» hatten Paul McCartney und Ringo Starr das letzte Wort. «Sie müssen alles absegnen. Sie können mich jederzeit feuern», sagt Martin. Ob er überhaupt der Richtige für diese Arbeit sei, frage er sich manchmal selbst. «Wahrscheinlich nicht. Aber ich war gerade der Einzige im Raum.»
Von Philip Dethlefs, dpa
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