Es ist ein beispielloser Fall in der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes: August Hanning (80), früherer Präsident des deutschen Auslandsgeheimdienstes, ist am Morgen im Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen unter Spionageverdacht festgenommen worden. Zeitgleich erfolgte die Festnahme seines ehemaligen Büroleiters Manfred D. im bayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, wie der Generalbundesanwalt in Karlsruhe mitteilte. Hanning steht unter anderem unter dringendem Verdacht des versuchten Landesverrats und der geheimdienstlichen Agententätigkeit, Manfred D. wird Beihilfe vorgeworfen.
Manfred D. sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs (BGH) in Karlsruhe erließ am Nachmittag Haftbefehl gegen ihn, wie die Bundesanwaltschaft mitteilte. Durchsuchungen gab es außer in NRW und Bayern auch in Berlin. So trugen Polizeibeamte mit Sturmhauben leere Umzugskartons in ein Gebäude in Berlin-Mitte. Laut Handelsregister ist unter der Adresse eine Vermögensverwaltungsgesellschaft eingetragen, Hanning wird dort als persönlich haftender Gesellschafter geführt.
Spionage - aber für wen oder welches Land?
Nach Informationen von WDR, NDR und «Süddeutscher Zeitung» geht es bei den Vorwürfen gegen Hanning und seinen früheren Büroleiter nicht um Russland. Eine Sprecherin des Generalbundesanwaltes wollte sich auch auf Nachfrage nicht dazu äußern, für welchen ausländischen Dienst oder für welches Land Hanning tätig gewesen sein soll. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dürfte es sich unter anderem um Geschäftspartner Hannings aus seiner Beratertätigkeit beispielsweise aus der Region Zentralasien handeln. Ein Sprecher der Bundesregierung wollte die Festnahmen wegen der laufenden Ermittlungen nicht kommentieren.
Was wird Hanning und seinem Ex-Mitarbeiter vorgeworfen?
Nach dem Stand der Ermittlungen soll Manfred D. Hanning bis Juni 2022 annähernd 2.000 Dokumente zur Verfügung gestellt haben. Darunter seien oft als Verschlusssache eingestufte Informationen gewesen, die ausschließlich für interne BND-Aufgaben bestimmt waren. Das Material diente laut Bundesanwaltschaft der Unterrichtung und Vorbereitung der BND-Leitung für die sogenannte ND-Lage (Nachrichtendienstliche Lagebesprechung), einem regelmäßigen, oft wöchentlichen Treffen von Spitzenbeamten verschiedener Ministerien und Sicherheitsbehörden im Kanzleramt.
Hanning war von Dezember 1998 bis Ende November 2005 BND-Präsident. Laut Bundesanwaltschaft soll Manfred D. Hanning zwischen Dezember 2005 und November 2009 als Assistent ins Bundesinnenministerium gefolgt sein, wo Hanning Staatssekretär war. Im Anschluss wechselte Hanning in die Privatwirtschaft und arbeitete als Sicherheitsberater.
Manfred D. arbeitete laut Bundesanwaltschaft zwischen März 2012 bis März 2026 erneut für mehrere BND-Präsidenten als Büroleiter. In dieser Funktion habe er Zugriff auf geheimhaltungsbedürftige Informationen gehabt. Nach dpa-Informationen ist Manfred D. mittlerweile pensioniert.
Es geht um einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren
Hanning und Manfred D. sollen laut Bundesanwaltschaft vermutlich bereits im Frühjahr 2010 vereinbart haben, dass der Ex-Büroleiter gegen Bezahlung fortlaufend wertvolle BND-Erkenntnisse besorgen solle. Diese Infos soll Hanning gewinnbringend bei seiner Beratertätigkeit verwertet haben.
In einem Fall soll Hanning demnach Informationen auch verwendet haben, um für Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes eine Analyse zu erstellen. Ob diese den Adressaten erreicht habe, sei bislang nicht festzustellen gewesen. Zudem soll Hanning über Jahre in engem Austausch mit einem Angehörigen eines anderen Nachrichtendienstes gestanden und diesen mit politischen Informationen versorgt haben.
Hannings Beratertätigkeit
Hanning hatte sich nach seiner Arbeit bei BND und in der Bundesregierung als Politikberater engagiert. Bei der im schweizerischen Luzern gemeldeten Pluteos AG firmiert er beispielsweise als Präsident des Verwaltungsrats. Unter Hannings «Kompetenzen» wirbt das Unternehmen damit, dass dieser «ein renommierter Staatsbediensteter» und ehemaliger BND-Präsident sei. Über Pluteos heißt es im Internetauftritt des Unternehmens, man sei eine «Gruppe von Intelligence- und Sicherheits-Experten auf Weltniveau».
Ermittlungen kamen durch Block-Fall ins Laufen
Eine Querverbindung der aktuellen Spionagevorwürfe gegen Hanning gibt es zum Fall Block. «Das Verfahren geht auf Funde aus einer Durchsuchung beim Beschuldigten Hanning zurück, welche die Staatsanwaltschaft Hamburg im Rahmen von Ermittlungen gegen Christina Block und andere im September 2025 vollzogen hat», teilte der Generalbundesanwalt mit. «Der Vorgang wurde Anfang Mai 2026 der Bundesanwaltschaft zur Übernahme vorgelegt.»
Die Hamburger Unternehmerin Block ist angeklagt, nach einem erbitterten Sorgerechtsstreit eine israelische Sicherheitsfirma damit beauftragt zu haben, ihre damals 13-jährige Tochter und den zehnjährigen Sohn Silvester 2023/24 vom Wohnort des Vaters in Süddänemark nach Deutschland zu entführen. Die 53-Jährige beteuert in einem Prozess am Landgericht Hamburg ihre Unschuld.
Gut ein Jahr vor der Rückholaktion der Kinder soll es einen gescheiterten Entführungsversuch gegeben haben. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hatte im Herbst 2025 mitgeteilt, dass sie wegen des Vorfalls im Jahr 2022 gegen Hanning und einen pensionierten Beamten des Landeskriminalamts Hamburg ermittelt. Hanning hatte die Vorwürfe über seinen Anwalt bestritten.
Bewährungsprobe für den neuen BND-Präsidenten Jäger
Für den neuen BND-Präsidenten Martin Jäger, der das Amt im September 2025 übernommen hatte, dürfte der Fall Hanning die erste große Bewährungsprobe sein. Im BND waren, nachdem der Dienst über den Umweg der Durchsuchung im Block-Verfahren Kenntnis über ein mögliches Leck erhalten hatte, «frühzeitig und unverzüglich umfangreiche interne Ermittlungen» eingeleitet worden, die den Verdacht erhärtet hätten, erklärte Jäger. Der Generalbundesanwalt habe die Ermittlungen übernommen.
«Für den BND und mich gibt es bei der internen Sicherheit keine Kompromisse», betonte Jäger. Er fügte hinzu: «Keines meiner Ziele, keine meiner Prioritäten werden durch diesen Vorgang in Frage gestellt.» Jäger arbeitet daran, dass der Dienst operativer als früher arbeiten und etwa auch gegen Cyberattacken ausländischer Dienste selbst vorgehen kann.
Frühere BND-Skandale
Auch in der Vergangenheit gab es immer wieder Skandale und Affären bei dem Dienst. So soll der damalige Mitarbeiter Carsten L. 2022 mit einem Komplizen interne Dokumente an den russischen Geheimdienst FSB weitergegeben haben. Der Prozess wegen besonders schweren Landesverrats dauert an.
Hanning selbst räumte 2005 ein, dass BND-Mitarbeiter jahrelang Journalisten ausspioniert hatten, um undichte Stellen aufzuspüren. 2014 flog der BND-Mitarbeiter Markus R. als CIA-Quelle auf. Er hatte über Jahre mehr als 200 teils streng geheime Dokumente weitergegeben und wurde 2016 zu acht Jahren Haft verurteilt.
«Wie eine Bombe» - Reaktionen aus dem Parlament
Der Vorsitzende des Bundestagsgremiums zur Kontrolle der Geheimdienst (PKGr), Marc Henrichmann (CDU), sprach vor Journalisten von einem brisanten Vorgang, der «einschlägt wie eine Bombe». Im Interview mit RTL/ntv sagte er, wenn sich die Vorwürfe erhärten sollten, brauche es «eine knochentrockene und knüppelharte Reaktion» auch als Signal an mögliche Nachahmer. Unionsfraktionschef Thorsten Frei (CDU) nannte den Fall vor einer Sitzung der CDU/CSU-Abgeordneten «in höchstem Maße bedenklich».
Der Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz, der auch PKGr-Mitglied ist, sagte dem «Spiegel», man erwarte eine «zügige und vollständige Aufklärung der ungeheuerlichen Vorwürfe». Er forderte, früheren Geheimnisträgern solche Tätigkeiten nach ihrer Amtszeit zu verbieten. Die stellvertretende Vorsitzende und innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Clara Bünger, kritisierte, die Geheimdienste seien «selbst ein Sicherheitsrisiko».
Von Jörg Blank, dpa
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