Die Proteste in Paris begannen friedlich.
Marcus Golejewski/dpa
Die Proteste in Paris begannen friedlich.
Demonstrationen

Frankreich: Hunderttausende demonstrieren - Gewalt am Abend

70.000 Sicherheitskräfte, Wasserwerfer und gepanzerte Fahrzeuge: Frankreich rüstet sich für einen langen Protesttag. In Paris bleibt es zunächst ruhig – doch am Abend ändert sich das.

Nach einem größtenteils friedlichen Beginn des Protesttages in Frankreich haben die Spannungen am Abend zugenommen. Nach Angaben des französischen Innenministeriums nahmen rund 410.000 Menschen an den landesweiten Protesten teil, davon rund 110.000 in Paris. Am Abend sprach Innenminister Laurent Nuñez von fast 1.000 Festnahmen landesweit. Die Zahl werde noch steigen, sobald Daten zusammengeführt würden, sagte er. 

Nach den schweren Ausschreitungen in der Vorwoche hatte Nuñez zuvor ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften mobilisiert und gesagt: «Wir sind bereit.» 70.000 Polizeikräfte und Gendarmen sollten im Einsatz sein, Wasserwerfer und gepanzerte Fahrzeuge standen bereit.

In der Metropole Paris verlief der von Gewerkschaften organisierte Demonstrationszug, der an den Rand der Stadt verlegt wurde, zunächst ruhig. Menschen aller Altersgruppen nahmen teil und verliehen ihren vielseitigen Forderungen etwa nach einer besseren Ausstattung von Schulen und niedrigeren Lebenshaltungskosten Ausdruck.

Lage am Abend angespannt

Am Ende der Demonstration verschärfte sich die Lage. Bilder zeigten Wolken von Tränengas und Feuerwerkskörpern sowie den Einsatz von Wasserwerfern, in Fernsehaufnahmen waren Knallgeräusche zu hören, eine Mülltonne brannte.

Die Polizeipräfektur von Paris gab auf der Plattform X an, dass Randalierer am Ende des dortigen Demonstrationszuges versucht hätten, in ein Autohaus einzudringen. Das rasche Eingreifen der Ordnungskräfte habe dies verhindert. 

Auch Bilder aus anderen französischen Städten wie Lyon, Bordeaux und Marseille zeigten Tränengaswolken und Feuer. Das Innenministerium berichtete von Störungen der öffentlichen Ordnung in mehreren Städten. In Nantes im Nordwesten Frankreichs seien Beschädigungen und Plünderungen in einem Geschäft gemeldet worden, teilte die zuständige Präfektur mit. Die Sicherheitskräfte hätten sechs Personen festgenommen. 

Am Abend erklärte der Innenminister: «Der Tag ist noch nicht vorbei.» Die Sicherheitsvorkehrungen blieben bis spät in den Abend hinein bestehen. Zahlreiche Plünderungen konnten nach seinen Angaben verhindert werden. Außerdem kam es Nuñez zufolge zu keinen gezielten Angriffen auf öffentliche Gebäude, wie es sie am 17. Oktober gegeben hatte. Allerdings seien bei heftigen Ausschreitungen zwei Menschen in Clermont-Ferrand und Toulouse im Rahmen von Polizeieinsätzen schwer verletzt worden.

Neue Proteste in der nächsten Woche angekündigt

Derweil kündigte die Gelbwesten-Bewegung bereits neue Demonstrationen für kommende Woche an. Am 31. Oktober soll es einen «3. Akt» geben, teilten die Organisatoren der vergangenen Veranstaltungen auf ihrer Webseite mit. Sie riefen zu Kundgebungen und Sitzstreiks vor der Nationalversammlung sowie vor sämtlichen Rathäusern Frankreichs auf. 

Am kommenden Freitag soll zudem eine Protestveranstaltung stattfinden, bei der mit Küchenutensilien wie Töpfen und Pfannen Lärm gemacht wird - eine sogenannte Casserolade.

Der Protest der Gelbwesten gegen hohe Lebenshaltungskosten und soziale Ungerechtigkeit hatte Frankreich zwischen November 2018 und Frühjahr 2019 in Atem gehalten. Ihr Name geht darauf zurück, dass viele der Demonstranten gelbe Warnwesten trugen. 

Unterschiedliche Gruppen an Protesten beteiligt

Die Protestler in Frankreich gehören nicht zu einer einheitlichen Bewegung. Den seit Wochen für eine bessere Ausstattung von Schulen demonstrierenden jungen Leute haben sich weitere Gruppen angeschlossen, etwa verschiedene Berufsgruppen, die Gelbwesten, Vertreter der französischen Linken. Gewerkschaften unterstützen sie dabei. Von den friedlichen Demonstrationsteilnehmenden zu unterscheiden sind Einzelne, die das Chaos für Plünderungen und Sachbeschädigungen nutzen.

Ausgangssperren und Demonstrationsverbote

Wegen befürchteter Ausschreitungen und Plünderungen, wie sie am vergangenen Wochenende am Rande der Kundgebungen registriert worden waren, gab es in mehreren Städten Versammlungsverbote für bestimmte Zonen sowie Ausgangssperren. Ladeninhaber verbarrikadierten ihre Geschäfte mit Holzplatten.

Ein besonderes Augenmerk lag auf der Stadt Orléans, wo am Wochenende der Parteitag des rechtsnationalen Rassemblement National (RN) stattfindet. Laut Präfektur fanden sich dort etwa 13.000 Menschen ein, um dagegen zu protestieren. 3.000 Sicherheits- und Rettungskräfte wurden demnach am Wochenende mobilisiert. Der Aufmarsch zog der Präfektur zufolge friedlich durch die Stadt. Die Route wurde zuvor von den Behörden angepasst. Für Kinder und Jugendliche wurde derweil eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, wie der Bürgermeister der Stadt mitteilte. Dies solle Störungen der öffentlichen Ordnung verhindern und das Risiko von Ausschreitungen begrenzen.

Schock nach Terrortat in Gemeinden nahe Paris

Die angespannte Lage in Frankreich wurde am Freitag durch eine Gewalttat weiter angeheizt, bei der ein Zusammenhang mit den Sozialprotesten und Unruhen im Land aber nicht direkt erkennbar war. Ein Mann hatte in Gemeinden bei Paris aus einem Auto mit einer automatischen Waffe geschossen. Ein Mensch kam dabei ums Leben, fünf weitere wurden verletzt. Der Mann wurde kurze Zeit später festgenommen. Auch Personen aus seinem familiären und freundschaftlichen Umfeld kamen in Polizeigewahrsam. Präsident Emmanuel Macron sprach von einem «rassistischen Terroranschlag».

Von Valeria Nickel, dpa
© dpa-infocom, dpa:261024-930-887208/6
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

RADIO REGENBOGEN mit TANZBAR IN THE MIX DJ ROBSESSED

RADIO REGENBOGEN

RADIO REGENBOGEN


Es läuft:
RADIO REGENBOGEN mit TANZBAR IN THE MIX DJ ROBSESSED