Von den Delegierten gibt es Jubel für Ilse Aigner.
Sven Hoppe/dpa
Von den Delegierten gibt es Jubel für Ilse Aigner.
CSU-Parteitag

Die große Ilse-Aigner-Show

Küsschen rechts, Küsschen links: So begrüßt der Kanzler Ilse Aigner – woraufhin der CSU-Parteitag in Jubel ausbricht. Zur P-Frage kommt aber dann: nichts.

Der Kanzler sorgt letztlich für den emotionalsten und möglicherweise entscheidenden Moment dieses CSU-Parteitags. Ganz zu Beginn seiner Rede begrüßt Friedrich Merz direkt nach CSU-Chef Markus Söder, quasi in einem Atemzug, Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner, noch vor dem Chef der Europäischen Volkspartei, Manfred Weber. Die Delegierten brechen daraufhin in Applaus und Jubel aus und erheben sich von ihren Plätzen. Aigner, die in der ersten Reihe sitzt, steht ebenfalls auf und winkt mit beiden Händen in die Parteitagshalle in München, sie strahlt.

Es ist keine beliebige Begrüßung. Aigner ist die Wunschkandidatin der CSU für das Bundespräsidentenamt. Söder hätte sie gerne, ihre Partei steht fast geschlossen hinter ihr, Aigner bekommt Zuspruch auch von SPD und Grünen. Nur wen die CDU und Merz wollen, ist bislang unklar. Deshalb fällt so auf, dass Merz Aigner, anders als auf den CSU-Parteitagen 2024 und 2025, namentlich und gleich so prominent an zweiter Stelle nennt.

Küsschen für Aigner

Die Erwartungen der CSU-Delegierten an Merz sind hoch. Alle Augen und Kameras richten sich beim Parteitag darauf, wie der Kanzler mit Aigner umgeht, ob er etwas zur P-Frage sagt, und was. Und natürlich wird deshalb genau notiert, wie Merz Aigner bei seinem Einzug in die Halle und auf dem Weg Richtung Bühne begrüßt – mit Wangenküsschen rechts und links. 

Die P-Frage, wer Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nächstes Jahr nachfolgt, ist die alles überragende Frage dieses CSU-Parteitags. Deshalb wird das Delegiertentreffen letztlich zu einer Art Ilse-Aigner-Show. Auch wenn die 61-Jährige nicht ein einziges Mal das Wort ergreift, auch wenn sie öffentlich quasi gar nichts sagt – außer, dass sie sich über den großen Rückhalt freue, und dass die Entscheidung bei den Parteichefs liege.

Söder wirbt für Aigner

Schon Söders 73-Minuten-Rede, in der er ansonsten vor allem zum gemeinsamen Kampf gegen Extremisten von links und rechts aufruft, steuerte auf diesen Höhepunkt zu: das neuerliche Werben für Aigner als nächste Bundespräsidentin. Mit einem Freudschen Versprecher: «Die Entscheidung wird woanders gefällt, aber ich würde mir es von Herzen gönnen, wenn Ilse Aigner nächste Bundespräsidentin werden würde. Das wäre eine tolle Sache», sagte er. «Mir wünschen und ihr gönnen», wollte er eigentlich sagen. Auf Instagram korrigierte Söder den Satz später noch.

Aber was steckt hinter Söders Werben? Setzt er sich wirklich aus vollem Herzen für seine Parteifreundin ein? Und welche Rolle spielt bei der P-Frage immer auch die K-Frage? Konkret: Würde sich Söder, wenn eine CSU-Politikerin Bundespräsidentin wird, nicht selbst die allerletzte Restchance verbauen, am Ende irgendwann doch noch ins Kanzleramt einzuziehen? Oder, genau andersherum und mit Blick auf Bayern argumentiert: Müsste Söder nicht froh sein, Aigner zu Hause als Konkurrentin quasi loszuhaben?

Und was ist mit der K-Frage?

Zur Erinnerung: Als Söder Aigner Ende April, nach den Kommunalwahlen, erstmals ins Gespräch brachte, befand er sich selbst intern in einer Schwächephase. Zig verlorene Stichwahlen setzten der CSU zu, Söder selbst verstolperte eine Pressekonferenz und zog damit den Zorn vieler Wahlkämpfer auf sich. Fragen nach einer möglichen Söder-Dämmerung kamen auf, wie teils schon nach seinem schlechten Wiederwahl-Ergebnis auf dem Parteitag 2025. Deshalb wurde Söders öffentliches Werben für Aigner auch als Versuch gewertet, seine eigene Position zu stabilisieren.

Söder selbst gibt sich auf dem Parteitag auch ungewohnt selbstkritisch. Viel Freude habe es bei den Kommunalwahlen gegeben, aber zurecht auch viel Frust. Keiner sei unfehlbar – auch er nicht. Die damalige Kritik sei richtig gewesen. Und fast beschwörend sagt Söder, dem manche in seiner Partei gerne mangelndes Teamplay vorwerfen: «Wir sind nur gemeinsam stark.»

Nun also gemeinsam für Aigner? Tatsächlich muss Söder die 61-Jährige jedenfalls im Moment nicht als akute Konkurrentin in Bayern fürchten. Und sein Traum vom Kanzleramt? Die Chancen dafür werden CSU-intern ohnehin und seit langem als marginal betrachtet. Dazu müsste die CDU in allergrößter Not ankommen und Söder inständig bitten und fast schon nach Berlin tragen, heißt es. Inzwischen geht man aber eh davon aus, dass Merz sich hält – und dass die CDU Söder weder heute noch morgen rufen wird. Und wenn, dann wäre auch egal, wer dann Staatsoberhaupt wäre, heißt es.

Merz wird vom CSU-Parteitag auch – anders als von manchen prognostiziert – herzlich begrüßt, immer wieder wird die Rede von Applaus unterbrochen. Vielleicht auch wegen des Aigner-Moments zu Beginn, mit dem es ihm gelingt, die sonst oft kritischen CSU-Delegierten für sich zu gewinnen?

Kein Wort von Merz zur P-Frage

Aber dann, abgesehen von der geschickten Begrüßung Aigners zu Beginn, kommt zur P-Frage von Merz: genau gar nichts. In seiner ganzen Rede nicht.

Mehr sei für Merz nicht drin gewesen, sagt ein CSU-Vorstand, wegen seiner parteiinternen Zwänge. Deshalb sei der Trick mit Aigners Begrüßung so geschickt gewesen, und dass der Kanzler den Applaus habe laufenlassen.

Viele in der CSU sehen als Haupthindernis für Aigner ja Merz' interne Schwäche nach den Wahlniederlagen im Osten. Viele fragen sich, ob Merz am Ende stark genug ist, um der CSU das höchste Staatsamt zu überlassen. Klar ist: In den nächsten Wochen muss die Entscheidung her. Und dieser Parteitag hat Merz überdeutlich gezeigt, was die CSU will.

Von Christoph Trost, Marco Hadem, Michael Fischer und Julian Degler, dpa
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