Die Missbrauchsbeauftragte des Bundes, Kerstin Claus, sieht Fortschritte im Kampf gegen sexuelle Gewalt aber noch viele Baustellen zur Verbesserung der Lage. Ihr Bericht ist eine Bestandsaufnahme.
Michael Kappeler/dpa
Die Missbrauchsbeauftragte des Bundes, Kerstin Claus, sieht Fortschritte im Kampf gegen sexuelle Gewalt aber noch viele Baustellen zur Verbesserung der Lage. Ihr Bericht ist eine Bestandsaufnahme.
Kinder- und Jugendschutz

Missbrauchsbeauftragte: Zehn Millionen Betroffene im Land

Zehn Millionen Menschen im Land haben nach Angaben der Missbrauchsbeauftragten sexuelle Gewalt in Kindheit oder Jugend erlebt. Sie sieht Fortschritte im Kampf dagegen, aber auch große Schutzlücken.

Die Missbrauchsbeauftragte des Bundes, Kerstin Claus, sieht nach jahrelanger Aufarbeitung, Forschung und politischen Maßnahmen Fortschritte im Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Zugleich verwies sie in Berlin auf einen weiteren großen Handlungsbedarf, vor allem mit Blick auf neue, wachsende Gefahren durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. 

Es gehe um Gefahren- und Risikoabwehr. «Wir haben in Deutschland aktuell zehn Millionen Menschen, die sexuelle Gewalt in Kindheit oder Jugend erlebt haben.»

«Risiken im digitalen Raum explodieren»

«Noch nie war das Risiko für Kinder und Jugendliche, sexualisierte Gewalt zu erleben, so hoch wie heute», sagte Claus. «Die Risiken im digitalen Raum explodieren.»

Anlass war die Vorlage ihres Berichts zum Ausmaß sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und zum Stand von Prävention, Hilfe und Aufarbeitung. Die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen sei ungebrochen hoch, heißt es darin. Verwiesen wird auf bereits veröffentlichte Zahlen der Kriminalstatistik. Demnach zählte die Polizei 2025 insgesamt 17.126 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs, rund 1.600 mehr als noch vor fünf Jahren und 772 mehr als im Vorjahr.

Claus fordert Schließung von Schutzlücken

Viereinhalb Jahre nach ihrem Amtsantritt legte Claus mit dem Bericht eine größere Bestandsaufnahme vor. Er enthält keine neuen Daten, sondern beleuchtet den aktuellen Erkenntnisstand und leitet politische Forderungen daraus ab. Es habe sich viel getan, seit ihrem Amtsantritt, aber besserer Schutz sei machbar. 

Positiv hob Claus hervor, dass in den 16 Jahren seit dem sogenannten Missbrauchsskandal Kompetenzen und Ressourcen im Bereich Prävention konsequent ausgebaut worden seien. «Für Betroffene wurde eine grundlegende Hilfe- und Unterstützungslandschaft definiert und verbessert.» 

2010 waren zahlreiche Missbrauchsfälle am katholischen Elitegymnasium Canisius-Kolleg in Berlin in den 1970er und 80er Jahren ans Licht gekommen. Danach wurden deutschlandweit viele weitere Fälle bekannt. 

Kritisch bewertet die Missbrauchsbeauftragte weiterhin bestehende Schutzlücken. Ihre Forderungen:

  • eine aktive Suche und Entfernung von Missbrauchsdarstellungen im Netz, denn so lange sie dort kursierten, dauere der Missbrauch an
  • eine Erweiterung des Strafrechts, das aktuell nur Kinder unter 14 vor Cyberkriminellen schütze, so dass auch Jugendliche geschützt werden
  • die Einführung eines Schulfachs «Digitale Welt/Digitalität», das digitale Kompetenzen an Kinder und Jugendliche vermittele und den Umgang mit Risiken im Netz einschließt
  • Schutzkonzepte in allen Schulen, Kitas und Freizeitangeboten für Kinder (diese sollen Formen digitalisierter Gewalt einschließen) 
  • Fortbildung von Lehrkräften im Kampf gegen digitale sexualisierte Gewalt
  • Länder und Kommunen sollen sicherstellen, dass Schulen, Kitas oder Kirchen Missbrauchsfälle an die gesetzliche Unfallversicherung melden, deren Leistungen Heil- und Krankenbehandlung sowie Reha umfassen
  • Fachberatungsstellen sollen weiter aus- und aufgebaut werden mit einem Rechtsanspruch auf Fachberatung für Betroffene
  • Schülerakten sollen 70 Jahre lang aufbewahrt werden
  • «Kinderschutz und Prävention sexualisierter Gewalt» sollen verpflichtender Ausbildungsbestandteil für Sozialarbeiter, Lehrkräfte, Justiz, Polizei, Gesundheitswesen und Verwaltung werden

Einen Schwerpunkt legt der Bericht auf den digitalen Raum und Künstliche Intelligenz. Die digitale Welt verändere Möglichkeiten des Zugangs für Täter. Kommunikations- und Interaktionsorte im Netz seien zu «zentralen Tatorten sexualisierter Gewalt» geworden. Verwiesen wird auf Gefahren durch KI, etwa dass unverfängliche Profilfotos mit KI zu Nacktbildern umgewandelt werden können, was sexuelle Erpressung («Sextorsion») erleichtere.

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