Die Angriffe am Flughafen Riad - hier der dortige Vorfall am 10. Oktober - setzen Saudi-Arabien weiter unter Druck.
Uncredited/Saudi Media Ministry via AP/dpa
Die Angriffe am Flughafen Riad - hier der dortige Vorfall am 10. Oktober - setzen Saudi-Arabien weiter unter Druck.
Iran-Krieg

Saudi-Arabien und Jemen: Eine neue Front im Iran-Krieg

Die Huthi sind von einer Aufstandsbewegung im Jemen zu einer Regionalmacht gewachsen. Nach ihren Angriffen in Riad bleiben Saudi-Arabien wenig gute Optionen, um die Miliz einzudämmen.

Mit dem tödlichen Angriff am Flughafen von Riad ist der seit Monaten laufende Krieg im Nahen Osten mit neuer Wucht im Machtzentrum Saudi-Arabiens angekommen. Die Attacke am Wochenende, für den Riad die Huthi-Miliz im Jemen verantwortlich machte, ist der schwerste Angriff in dem Wüstenstaat seit zehn Jahren und auch der tödlichste in einem Golfstaat seit Beginn des Iran-Kriegs. Saudi-Arabien und der benachbarte Jemen werden zunehmend zur neuen Front. Die wichtigsten Fragen:

Wer sind eigentlich die Huthi und was wollen sie?

Die Huthi sind eine islamistische Bewegung im Jemen. Hervorgegangenen sind sie aus einer Strömung des schiitischen Islams, den Zaiditen. Die Huthi entstanden in den 1990er Jahren, radikalisierten sich aber erst nach der US-Invasion im Irak 2003. Im stark verarmten Jemen zettelten sie mehrere Aufstände gegen die Regierung an. Der letzte ab 2014 entwickelte sich zum Bürgerkrieg, bei dem sie große Gebiete einnahmen samt der Hauptstadt Sanaa. Zuletzt eroberten sie weitere Teile der Küste an der Meerenge Bab al-Mandab. 

Lange ging es den Huthi vor allem um den Machterhalt und -ausbau im Jemen. In ihren Gebieten, wo geschätzt 70 Prozent der Bevölkerung leben, herrschen sie mit eiserner Faust, kontrollieren alle Bereiche des öffentlichen Lebens und setzen ihre Ideologie auch gewaltsam um. Durch strikte Überwachung und Festnahmen werden Abweichler ausgeschaltet oder folgsam gemacht.

Ab den 2000er Jahren wurden die Huthi militärisch und finanziell immer stärker vom schiitischen Iran unterstützt. Heute gelten sie als einer der mächtigsten nicht-staatlichen Akteure in Nahost mit einem wachsenden Waffenarsenal. UN-Experten schätzten ihre Stärke Ende 2024 auf etwa 350.000 Kämpfer. Im Zuge des Gaza-Kriegs ab 2023 und mit dem Iran-Krieg gewannen die Huthi, die Israel und die USA als Todfeinde betrachten, immer mehr an Einfluss.

Warum wird Saudi-Arabien angegriffen?

Das sunnitische Königreich, das eine Führungsrolle in der arabischen und muslimischen Welt beansprucht, war in der Region lang der Erzrivale und wichtigste Gegenspieler Teherans. Unter Führung des faktischen Herrschers Mohammed bin Salman begann Riad 2015, Ziele im Jemen zu bombardieren, um die Huthi und damit den Einfluss des Irans im südlichen Nachbarland zurückzudrängen. Die Miliz griff ihrerseits mehrfach saudische Flughäfen und Ölanlagen an. Der jüngste Angriff mit zwölf Toten und mehr als 300 Verletzten am Flughafen Riad hat aber eine neue Dimension. 

Eigentlich herrschte im Jemen-Krieg ab 2022 eine Waffenruhe. Riad suchte lang einen Ausweg aus dem teuren Krieg, der dem Kronprinzen wegen der vielen zivilen Opfer im Jemen und der humanitären Katastrophe im Land international auch viel Kritik einbrachte. Doch die Vermittlungen etwa des Omans oder der Vereinten Nationen brachten immer nur Teilerfolge. Seit die Huthi im September bei einer Blitzoffensive bis zur wichtigen Meerenge Bab al-Mandab am Roten Meer vorrückten, kommt es auch wieder zu schweren Gefechten im Jemen, bei denen Saudi-Arabien die international anerkannte Regierung unterstützt. 

Die Huthi sehen ihrerseits eine Gelegenheit, ihren Einfluss international weiter zu stärken. «Sie haben sich von einer lokalen Aufstandsbewegung zur beherrschenden Kraft im Jemen zur Regionalmacht entwickelt», schreibt Nahost-Forscher Thomas Juneau von der Universität Ottawa in Kanada. So sollen sie Angriffe mit Milizen in Syrien und dem Irak abstimmen, aber auch Verbindungen nach Russland und China aufbauen. Mit dem schweren Angriff in Riad zeigen sie, dass sie auch das politische und wirtschaftliche Zentrum einer großen arabischen Regionalmacht empfindlich treffen können.

Welche Rolle spielt der Iran-Krieg?

Eine entscheidende, denn ohne den Iran-Krieg wäre die Lage im Jemen wohl nicht so schwer und schnell neu eskaliert. Im arabischen Raum wird der Krieg mit dem Iran auch nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil einer Eskalation Israels im Gazastreifen und dem Westjordanland, in Syrien und im Libanon. Er hat auch die Machtkämpfe im Irak neu befeuert, der schon lang im Spannungsfeld steht zwischen dem Einfluss des Irans und der USA. 

Auch die Eskalation im Jemen hat eine direkte iranische Komponente: Dort sollte im Juli ein iranisches Flugzeug landen mit einer Huthi-Delegation, die von der Beerdigung von Irans oberstem Führer Ajatollah Ali Chamenei zurückkehrte. Mit Luftangriffen am Flughafen Sanaa - mutmaßlich durch Saudi-Arabien - signalisierte Riad, dass es keine direkte Verbindung der Huthi mit Teheran zulassen werde. Es folgten gegenseitige Angriffe, die schließlich in den jetzt laufenden Gefechten im Jemen und neuen Huthi-Angriffen in Saudi-Arabien mündeten. 

Die Denkfabrik Sanaa Center schreibt, dass der Flug als «iranische Eskalation im Schauplatz Jemen» zu verstehen sei. Teheran habe damit die «Jemen-Front aktiviert» und den USA und seinen Verbündeten signalisiert, dass der Iran auch anderswo Kosten verursachen kann, vor allem für Saudi-Arabien und die Golfländer. So sind der Jemen und Saudi-Arabien ein neuer, heißer Schauplatz geworden im Iran-Krieg - auch wenn der Streit etwa um die Straße von Hormus weiter ungelöst ist und auch neue US-Angriffe im Iran möglich scheinen nach den Kongresswahlen in den USA in wenigen Wochen.

Wie reagiert Saudi-Arabien?

Das Königreich bemüht sich seit Wochen, die USA und andere Partner stärker bei der Verteidigung einzubinden. Denn die Angriffe bedeuten einen schweren Rückschlag für Versuche der Führung, das Land in einen Knotenpunkt für Geschäfte und Tourismus zu verwandeln. In zwei Wochen beginnt in Riad die Investorenkonferenz FII, die zum zentralen Ereignis geworden ist, um ausländische Geldgeber anzulocken. Wer Bilder der Angriffe von Riad sieht, dürfte zweimal überlegen, ob er anreist - oder dort investiert.

US-Präsident Donald Trump erwägt nun nach eigener Aussage neue Angriffe im Jemen, wo das US-Militär schon 2024 und 2025 wiederholt Ziele der Huthi bombardierte. Seinerzeit ging es aber vor allem um den Schutz von Handelsschiffen im Roten Meer, die die Miliz angriff und teils versenkte oder auch entführte. Jetzt, kurz vor der wichtigen US-Kongresswahl, dürfte Trump kaum Interesse an neuen - und teuren - Angriffen im Jemen haben. Im Frühjahr 2025 berichtete CNN, dass diese in nur drei Wochen Kosten von fast einer Milliarde US-Dollar verursachten. 

Zugleich hofft Riad auf den Beistand weiterer Länder. Die Türkei und Pakistan aktivierten zusammen mit Saudi-Arabien kürzlich den sogenannten Mekka-Verteidigungspakt und wollen rasch Truppen im Königreich stationieren. Pakistanische Truppen sind schon länger im Land im Einsatz. Auch Syriens Regierung soll laut Berichten eine mögliche Entsendung von Truppen erwägen. Einsätze dieser mehrheitlich sunnitischen Staaten könnten religiöse Aspekte des Konflikts mit dem schiitischen Iran verschärfen. Eine militärische Lösung scheint aber ebenso schwer greifbar wie eine diplomatische - wirklich gute Optionen hat Saudi-Arabien derzeit nicht. 

Könnte auch Israel wieder im Jemen angreifen?

Das ist unklar. In Israel findet am 27. Oktober die Parlamentswahl statt, bei der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu um sein Amt und sein politisches Überleben kämpft. Israel stand mit der Huthi-Miliz aber immer wieder im offenen Konflikt: Ab 2023 feuerte die Miliz immer wieder Raketen und Drohnen auf Israel, seinerzeit aus erklärter Solidarität mit der Hamas im Gazastreifen, teils gab es dabei auch Opfer. Die israelische Luftwaffe griff im Gegenzug Ziele der Miliz im 2.000 Kilometer entfernten Jemen an. Auch im Zuge des Iran-Kriegs wurde Israel im März und zuletzt im Juni aus dem Jemen beschossen.

Von Johannes Sadek und Cindy Riechau, dpa
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