Klarheit vermisst nicht nur Kahn beim Bundestrainer. Der TV-Sender Sky vermeldete Neuers Rückkehr nach dem letzten Bundesliga-Spieltag als fix, sofern in den kommenden Tagen nichts Außergewöhnliches passiere und sich der Weltmeister von 2014 beim 5:1 gegen den 1. FC Köln nicht wieder schwerer an der linken Wade verletzt habe. Tatsächlich muss Neuer wegen muskulärer Probleme «vorerst kürzertreten», wie der FC Bayern inzwischen mitteilte.
«Die haben es halt mal herausposaunt»
Nagelsmann konterte die Sky-Meldung im ZDF-Studio auf dem Mainzer Lerchenberg: «Das Schwierige ist, immer jedes Detail zu kennen. Das kennen die nicht. Die haben es halt mal herausposaunt und gucken, was passiert.»
Neuer selbst hatte zuvor nach der Übergabe der Meisterschale einen Rücktritt vom Rücktritt nicht mehr ausgeschlossen. «Für mich ist das heute kein Thema», sagte er ausweichend zu einer fünften WM-Teilnahme. Seit 2010 war er bei allen großen Turnieren Deutschlands Nummer eins. «Ich bin da total entspannt», sagte der vermutlich mehr wissende Neuer.
Und Baumann? Der 35-Jährige hatte in allen sechs WM-Qualifikationsspielen jede Minute im Tor gestanden. Er durfte sich bis zuletzt nach dem erneuten Verletzungspech von Marc-André ter Stegen als WM-Keeper fühlen.
Baumann hat «keine andere Info»
«Das war mein Stand oder ist mein Stand. Ich habe keine andere Info», sagte er nach der verpassten Champions-League-Qualifikation mit der TSG Hoffenheim in der ARD. Er werde sehr selbstbewusst in die Turniervorbereitung und dann auch in die WM gehen, ergänzte er tapfer. Er konnte nur auf frühere Gespräche mit Nagelsmann verweisen: «Er hat mir das Vertrauen ausgesprochen. Punkt.»
Konfrontiert mit Baumanns Aussagen sagte Nagelsmann: «Ich bin bis heute sehr fein mit der Kommunikation mit meinen Spielern.» Aber kann er das medial eskalierende Torwart-Thema weiter bis zur Kader-Bekanntgabe aussitzen?
Eierte Nagelsmann womöglich wegen Neuers erneuter Waden-Blessur im ZDF herum? Der 38-Jährige hatte ohnehin das Problem, dass er den Besuch zugesagt hatte, bevor er die Kader-Bekanntgabe um neun Tage nach hinten verschoben hatte. Er wollte einfach bei verletzten Wackelkandidaten wie dem Dortmunder Felix Nmecha abwarten.
«Jeden Tag, den wir gewinnen an Eindrücken, führt hoffentlich dazu, dass dann dieses Puzzle mit 26 Teilen maximal gut ausfällt», begründete Nagelsmann die Verschiebung. Auf der Torwart-Position scheint die Entscheidung zumindest in Ablauf und Kommunikation schon jetzt ziemlich missglückt zu sein.
«Der beste Torwart der Geschichte»
Die maximalen Hoffnungen ruhen nun womöglich noch einmal auf einem 40-Jährigen. Für Neuer spricht einiges: die Turniererfahrung, die immer noch spürbare Aura, Weltklasseleistungen in der Champions League wie etwa in Madrid. Aber es gibt auch Patzer - und der Körper streikt im Alter häufiger.
«Wir haben mit Olli einen Supertorwart», sagte Leon Goretzka. «Der beste Torwart der Geschichte» aber ist auch für DFB-Kapitän Joshua Kimmich Bayern-Kollege Neuer. Geschichte ist vergänglich. Zwölf Jahre liegt Neuers WM-Triumph in Brasilien zurück. Danach folgten zwei WM-Vorrunden-Flops in Russland 2018 und Katar 2022 - mit ihm im Tor.
Von Klaus Bergmann, Florian Lütticke, Christian Kunz und Stefan Tabeling, dpa
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