Jonathan Tah ist der deutsche Abwehrorganisator in Amerika.
Tom Weller/dpa
Jonathan Tah ist der deutsche Abwehrorganisator in Amerika.
Fußball-Nationalmannschaft

Atemübung und Familienbande: Tahs besondere WM-Prüfung

Eine Reise nach Abidjan und Atemtraining mit einem Neuseeländer. Jonathan Tah will sich entwickeln und geht ungewöhnliche Wege. Das WM-Spiel gegen die Elfenbeinküste ist ein Duell mit Emotionen.

Hört man die Worte von Anja Tah, dann war die Entwicklung ihres Sohnes Jonathan zu einem coolen Abwehrchef der Fußball-Nationalmannschaft nicht absehbar. Ein «chaotischer Wirbelwind» sei er als Kind gewesen, erzählt Mama Tah in dem sehr persönlichen Nominierungsvideo für die Fußball-WM. Und heute: Ein toller, positiver, empathischer Mann sei er. 

Nun sind Urteile einer liebenden Mutter selten objektiv. Aber in diesem Fall decken sie sich mit dem Reality-Check in Amerika. Tah ist in einer Weise gereift und fußballerisch entwickelt, die noch vor einigen Jahren nicht vorstellbar gewesen ist. Vor dem zweiten WM-Gruppenspiel der DFB-Elf am Samstag (22.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) in Toronto sind die Familienbande der Tahs von besonderem Interesse. Denn Jonathan Tah hätte wegen der Herkunft seines Vaters Aquila Tah auch für die Elfenbeinküste spielen können. 

Besondere Beziehung zur Elfenbeinküste

Der Hamburger Jung' erzählte in Winston-Salem ausführlich über die Beziehungen nach Afrika. Er tat dies in einer ruhigen und abgeklärten Weise, die jede subtile, stumpfe Diskussion über Spieler mit doppelter Einsatzmöglichkeit gar nicht erst aufkommen ließ. Da öffnete einer sein Herz. 

«Ich freue mich sehr auf dieses Spiel, weil es schon so ist, dass ich als Deutscher aufgewachsen bin in Deutschland. Aber durch meinen Vater habe ich was von der Kultur mitbekommen und fühle mich auch verbunden mit dem Land», berichtete der 30-Jährige von seiner deutsch-afrikanischen Lebensrealität. Eine Länderspielkarriere für die Elfenbeinküste hätte aber nie ernsthaft zur Debatte gestanden, trotz Anwerbeversuchen 2014. 

Die Oma in Abidjan, der pulsierenden Metropole der Elfenbeinküste, hat er kürzlich besucht. Er wollte eintauchen in das Land seiner väterlichen Vorfahren. Er nahm seine Frau, Cousins und Cousinen aus Hamburg mit. «Die Musik, das Essen, die Kultur», all dies wollte er vor Ort spüren, erzählte Tah den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. In Erinnerung ist besonders der Besuch auf einem Markt, der «für Touristen schon sehr gewöhnungsbedürftig ist».

«Leader in der Viererkette»

Die Erzählungen passen - wie die Auftritte in den USA - zu der Entwicklung, die auch Julian Nagelsmann aus fußballerischer Perspektive erkannt hat. «Du gehst voran, als Persönlichkeit, als Spieler auf dem Feld», sagte der Bundestrainer in jenem DFB-Video im Mai. Tah ist der «Leader in der Viererkette». Eine «Top-WM hast du absolut im Kreuz», sagte Nagelsmann. 

Auf Fußball-Deutsch führen solche Worte zwangsläufig zur Bezeichnung Abwehrchef. Doch Tah mag den Begriff überhaupt nicht. Man spiele in der DFB-Elf im Verbund. Sein Nebenmann in der Innenverteidigung, Nico Schlotterbeck, hat keine Probleme, sich Tah unterzuordnen. «Jona gibt die Kommandos», sagte er. Zusammen bilde man ein Top-Top-Duo auf Weltklasseniveau. Tah hat immerhin den langjährigen Abwehrchef Antonio Rüdiger verdrängt. 

Beim Handy-Talk mit Friedrich Merz gehörte Tah neben Kapitän Joshua Kimmich und dessen Stellvertreter Kai Havertz zum DFB-Trio, das mit dem Bundeskanzler spricht. 

Tah will immer in Entwicklung investieren. Er buchte einen Workshop bei einem Atemtrainer aus Neuseeland. Der gläubige Christ setzt darauf, seinen Horizont zu erweitern. Die Double-Saison bei Bayer Leverkusen vor zwei Jahren war ein ganz wichtiger Step. Hinter dem damaligen Leader Granit Xhaka und dem Fußball-Zauber von Florian Wirtz fiel Tah in der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht zurück. Aber der Fortschritt war unverkennbar. Die Erinnerungen an den einst etwas tapsig spielenden Tah wurden da schon ausradiert. 

Nagelsmann fasziniert Entwicklung in München

Für Nagelsmann war die Premierensaison beim FC Bayern besonders imposant. «Extrem beeindruckt», habe ihn die Entwicklung in der keineswegs leichten Münchner Umgebung, wie Nagelsmann aus seiner Trainerzeit selbst weiß. 

Ist das also der beste Tah, den es je gab? Auch solche Formulierungen mag der Abwehrkoloss nicht, weil sie implizieren, dass der Höhepunkt schon erreicht sei. «Weil man sich damit limitiert, noch besser zu werden», sagte er.

Von Arne Richter und Klaus Bergmann, dpa
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