Auf die Party nach der Aufholjagd zu WM-Silber war die Crew von Laura Philipp gar nicht vorbereitet. Während Patrick Langes Traum vom Happy End auf Hawaii an einem brutalen und gnadenlosen Renntag auf Big Island wegen Krämpfen schmerzhaft platzte, vervollständigte Philipp ihren Ironman-WM-Medaillensatz.
Die 39 Jahre alte Heidelbergerin kassierte neben den 65.000 US-Dollar für den zweiten Platz auch noch 200.000 US-Dollar für den Gesamtsieg in der Ironman Pro Series. «Ein Scheck, den man gerne mitnimmt», sagte Philipp mit einem breiten Grinsen beim ZDF. Platz zwei fühle sich auch fast wie ein Sieg an.
2023 und 2025 hatte es Philipp auf Rang drei geschafft, vor zwei Jahren in Nizza WM-Gold geholt. «Ich bin unglaublich glücklich, dass es gut für mich ausgegangen ist. Wir haben ja leider wieder erlebt, wie brutal eben doch die Bedingungen für andere waren», sagte sie.
Erstmals seit 2019 Frauen und Männer gemeinsam in Hawaii
Hawaii lieferte beim ersten gemeinsamen Rennen von Frauen und Männern seit 2019, als Jan Frodeno und Anne Haug triumphierten, vor allem ein Spektakel menschlichen Leidens. «Ich bin völlig erschöpft», sagte selbst Frodeno mit kratziger Stimme. Der dreimalige Hawaii-Champion war vor Ort als TV-Experte sowie als Interviewer für Ironman im Einsatz. «Das war unfassbar, was hier los war. Ich glaube, die spannendste WM, die wir jemals gesehen haben.»
Und eine, bei der auch die deutsche Medaillenserie hielt. 2007 hatte es keinen Podestplatz gegeben, seitdem holten deutsche Profi-Triathletinnen und -Athleten mindestens immer eine Medaille im gemeinsamen Hawaii-Rennen.
Nach der Rotation mit Nizza in den vergangenen Jahren und den damaligen Unwägbarkeiten der Corona-Pandemie herrschten schwerste Bedingungen. Regen in der Nacht und am Morgen, ein welliger und herausfordernder Pazifik, Hitze, Wind und extreme Luftfeuchtigkeit. Und das über 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen.
Die Bühne für Dramen, für Leid und Qualen war bereitet - auch für Lange. 2016 sein Debüt in Kailua-Kona, 2017 und 2018 die Titel, 2019 das Aus beim Radfahren, 2024 das triumphale Sieg-Comeback. 2026 sein letzter Auftritt auf der Insel, die seine Karriere und sein Leben maßgeblich veränderte. Seine Karriere beenden will er im kommenden Jahr bei der Challenge in Roth.
Langes vielversprechender Auftakt - im Gegensatz zu Philipp
Als die Kanonenkugel das Rennen in der Bucht von Kailua-Kona traditionell eröffnete, befeuerte Lange noch die eigenen Hoffnungen und die seiner Fans. Er lag - anders als Philipp - praktisch perfekt, kam mit 12 Sekunden Rückstand aus dem Wasser. Bei Philipp, die erst mit 24 Jahren das Schwimmen richtig lernte, waren es mehr als acht Minuten.
Dass Lange aber Stunden später mit einem Helfer-T-Shirt Wasser an einer Verpflegungsstation verteilte, anstatt mit Philipp im Ziel um die Wette zu grinsen, hatte Gründe. Lange musste am Wendepunkt der Radstrecke nach etwas mehr als 90 Kilometern aussteigen, er war vorher schon mal rechts rangefahren.
Mit diesen Beinen den Marathon? Nicht vorstellbar für Lange
«Das ist so eines der härtesten DNFs (Did not Finish) in meinem Leben», sagte er. Lange wurde von Krämpfen geplagt. «Das ist eine bittere Pille, die ich schlucken muss», betonte der 40-Jährige. «Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, mit den Beinen einen Marathon zu laufen.» Und das sagte das Lauf-Ass schlechthin.
Zunächst hatte auch Jonas Schomburg bei seiner Hawaii-Premiere Druck und Tempo gemacht, aber auch er bekam Krämpfe. Der Hannoveraner erholte sich jedoch und wurde als Siebter bester Deutscher beim Überraschungssieg des Franzosen Vincent Luis, für den es eigentlich das letzte Karriererennen werden sollte. 7:47:27 Stunden benötigte er.
Philipp fehlten drei Minuten auf Gold
Auf Rang zwei kam Ex-Weltmeister Gustav Iden aus Norwegen trotz einer Zeitstrafe auf dem Rad vor dem US-Amerikaner Matthew Marquardt. Bei den Frauen musste sich Philipp um drei Minuten in 8:39:29 Stunden nur Taylor Knibb aus den USA geschlagen geben, Dritte wurde die Schweizerin Julie Derron.
Von den schnellsten Rennen auf Hawaii waren die Zeiten alle weit entfernt. Denkwürdig wird die Auflage 2026 aber ohne Zweifel bleiben. Bei den Männern musste auch Ex-Weltmeister Sam Laidlow aussteigen, später ging dem torkelnden Magnus Ditlev auf der Laufstrecke in Führung liegend die Kraft aus. Mitfavorit Kristian Blummenfelt wurde nur Achter. Der Norweger hetzt dem Sieg auf Hawaii weiter hinterher.
Bei den Frauen lief es noch heftiger und dramatischer. Vor einem Jahr hatten sich Ex-Weltmeisterin Lucy Charles-Barclay und Knibb ein Duell geliefert, das mit der Aufgabe beider endete. Entkräftet, völlig leer.
Nun erwischte es Charles-Barclay erneut. Es passierte wieder im Energy Lab, dem schwersten Abschnitt der Laufstrecke: keine Zuschauer, Windstille und Lavafelder, die die Hitze noch unerträglicher machen. Die Britin saß mit ihrem Mann wie ein Häufchen Elend am Wegesrand. Bilder wie aus dem Vorjahr. Aus statt Podest, Charles-Barclay hatte zu dem Zeitpunkt auf Platz zwei gelegen.
Das Drama der Titelverteidigerin auf den letzten Metern
Dann musste sich die Amerikanerin an der Spitze übergeben, wurde von Solveig Løvseth überholt. 2025 profitierte die Norwegerin von Knibbs' Kollaps kurz vor dem Ziel, diesmal erwischte es Løvseth selbst. Es waren erschreckende Bilder, der Körper praktisch außer Kontrolle. Sie taumelte, kollidierte mit einem Kameramann und lag mehrfach auf dem Asphalt. Es war nicht mal mehr ein Kilometer bis ins Ziel.
Auch Philipp, die auf dem Rad konstant ihr Tempo gefahren war und dann ihre Stärke mit der besten Marathon-Zeit unter den Profi-Frauen beeindruckend ausspielte, lief an der entthronten Titelverteidigerin vorbei. «Es lief erstmal gegen sie und das finde ich so cool an Laura, dass sie ihr Ding gemacht hat», sagte ihr Trainer und Ehemann Philipp Seipp. «Sie ist mit Kopf Rad gefahren und mit Herz gelaufen. Jetzt müssen wir uns irgendwas einfallen lassen, wo wir ein Fest machen.»
Von Jens Marx, dpa
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