So cool wie vor dem Tor reagierte der von den deutschen Fans gefeierte und von den Teamkollegen geherzte Matchwinner Deniz Undav auch bei der aufgeregten Debatte um seine ideale WM-Rolle. Weiter Deutschlands Super-Joker? Oder endlich rein in die erste Elf? «Das liegt am Bundestrainer. Er trifft die Entscheidung. Ich versuche einfach, meinen Job zu machen», antwortete Undav höchst diplomatisch. Er muss nichts fordern. Er liefert.
Das Stürmerland Deutschland hat plötzlich wieder einen Strafraumstürmer. Einen echten Neuner. Einen Goalgetter, der vor dem Tor nicht groß nachdenkt. Einer wie einst Gerd Müller, der «Bomber». Der knipst, wenn er den Ball im Sechzehner auf dem Schlappen hat. So wie beim am Ende wilden und furiosen 2:1 (0:1) gegen die Elfenbeinküste, das der Fußball-Nationalmannschaft erst den vorzeitigen Einzug in die K.o.-Phase bescherte. Und Stunden später nach Ecuadors 0:0 gegen Curaçao als Zugabe auch noch den Gruppensieg.
Nach 60 Minuten auf der Bank war Undav-Time. Acht Minuten war er auf dem Platz, da erzielte er nach einem selbst eingeleiteten Angriff und einer 1a-Flanke des mit ihm eingewechselten Nadiem Amiri volley das 1:1.
Was beim Jubeln mit dem Zeh passierte
Und in der vierten Minuten der Nachspielzeit ließ er nach einem punktgenauen Pass von Felix Nmecha die mit vielen deutschen Fans besetzte Stahlrohrtribüne hinter dem Tor mit seinem zweiten Linksschuss zum 2:1 erbeben. Große Gefühle. Gänsehaut. Euphorie. Und große WM-Träume.
Nach dem Schlusspfiff jubelte ausgerechnet der Held des Spiels erstaunlich verhalten. «Ich habe Schmerzen am Zeh. Die haben beim Jubel alle auf meinen Zeh getreten», klärte Undav in seiner typischen, schelmischen Art auf: «Ich musste kurz klarkommen.» Dann schob er ernsthaft nach: «Nein, ich freue mich übertrieben. Wir haben gewonnen. Wir haben drei Punkte. Ich habe zwei Tore gemacht.» Mehr ging nicht an diesem Tag.
«Deniz ist ein absoluter Killer vor dem Tor»
Und natürlich kamen die Lobeshymnen. Der Weltpresse. «Ist Deniz Undav der beste Einwechselspieler der Weltmeisterschaft?», fragte das US-Blatt «The Athletic». Der Teamkollegen. «Deniz ist ein absoluter Killer vor dem Tor», sagte Amiri. «Was Deniz besonders macht? Dass er nicht viel nachdenkt. Er kommt, macht seinen Job und geht wieder», sagte Abwehrspieler Antonio Rüdiger.
Und auch der Bundestrainer lobte den Mann, mit dem er lange seine Problemchen hatte, weil er in Undav eher einen Top-Joker sieht als den Stürmer für 90 Minuten. «Viel mehr Entscheider als er kann man nicht sein. Er ist einfach ein Vollblutstürmer», rühmte Nagelsmann den Stuttgarter.
«Das erste Tor war super Timing von Deniz. Den macht er unfassbar gut. Der ist unheimlich schwer. Das zweite ist ein klassischer Deniz Undav», lobte der Bundestrainer. Und was macht er nun mit Undav in den nächsten Spielen? Der Chef über die Aufstellung mochte sich spontan nicht festlegen. «Es gibt verschiedene Ansätze. Du kannst sagen, ja warum soll ich seinen Flow jetzt brechen?», sagte Nagelsmann zum Festhalten am Joker-Status.
Joker oder Starter? Nagelsmann will beides diskutieren
Hat doch super geklappt. «Er kam zweimal rein, hat zweimal Tore gemacht und letztes Mal auch Tore vorgelegt», sagte der Bundestrainer. «Man kann aber auch sagen, ja klar, super Leistung, lass' ihn mal von Beginn an spielen.»
Eine spontane Lösung gab es nicht. «Wir werden beides diskutieren, auch mit Deniz», kündigte Nagelsmann an. Dessen Selbstbewusstsein wächst und wächst. «Ich weiß, dass ich treffen kann.» Und das so eiskalt, so traumwandlerisch. Wie macht er das bloß? «Einfach nur draufballern», lautete die Antwort.
Zwei WM-Spiele, drei Tore (wie Lionel Messi), zwei Torvorlagen. Insgesamt neun Tore in elf Länderspielen. Wofür ihm 430 Spielminuten reichten. Alle 47,8 Minuten Undav-Jubel im Nationaltrikot. Und das von einem Kicker, der vor sechs Jahren noch in der 3. Liga für den SV Meppen auflief.
Nun ist der spät durchgestartete Stürmerstar des VfB Stuttgart auf der größten Fußball-Bühne der Welt der erste deutsche Star bei dem XXL-Turnier, den die Menschen rund um den Globus bestaunen.
Kurz vor der Einwechslung gab es «Deniz Undav»-Rufe der verzweifelnden deutschen Fans. Sie forderten ihn. «Ich habe es auch gemerkt, ich musste wieder lachen. Selbst in Toronto wird mein Name gerufen, nicht nur in Stuttgart», sagte er dazu. Er weiß um seine Beliebtheit. «Wenn du Tore machst als Offensivspieler, werden die Fans hinter dir stehen. Ich genieße es.»
Undav: Wollen das Bestmögliche erreichen
Undav hat gerade erst losgelegt bei der WM. Und er hat noch ganz viel vor in Amerika, persönlich und mit dem Team. Vielleicht wird er Torschützenkönig. Aber wichtiger ist ihm eine andere Trophäe: «Wir wollen das Bestmögliche erreichen - und das ist der Titel. Dafür geben wir alles, das ist das Hauptziel.»
Am 19. Juli wird er 30. Und an diesem Sonntag, an seinem Geburtstag, steigt das große WM-Finale in East Rutherford vor den Toren New Yorks. Was könnte das für ein märchenhaftes Happy End der großen Deniz-Undav-Story geben.