Zum WM-Traumstart dröhnte aus den Lautsprechern der Kult-Hit «Tage wie diese», die vielen Fans schwenkten glückselig die schwarz-rot-goldenen Fahnen und das deutsche Team ging geschlossen auf die erste kleine Ehrenrunde. Beim Länderspiel-Comeback des nahezu arbeitslosen Rekordtorhüters Manuel Neuer haben Deutschlands Fußballer mit dem 7:1 (3:1)-Torfest gegen den krassen Außenseiter Curaçao für den erwarteten Budenzauber in Houston gesorgt.
Weltmeisterlich war der Turniereinstieg gegen die No-Name-Kicker von der Karibik-Insel zwar nicht 90 Minuten lang, aber trotzdem überzeugend. Wofür kann es bei der WM wirklich reichen?
Bundestrainer Julian Nagelsmann war jedenfalls erleichtert ob des gelungenen WM-Starts. «Ich habe mich extrem für die Mannschaft gefreut. Gerade, wenn man die letzten beiden Turniere sieht. Die Auftaktspiele waren beide nicht gut. Klar, waren wir heute super Favorit. (...) Dann kriegen wir aus der ersten Aktion den Ausgleich. Dann musst du dich erst sammeln. Da finde ich es schon wichtig, wie die Mannschaft damit umgeht. Da musst du erst mal sieben Tore machen», sagte Nagelsmann bei der ARD.
Neuer: «Hat sich gut angefühlt»
Ähnlich sah es WM-Rekordtorhüter Neuer, der nach zwei Jahren sein Comeback im DFB-Tor gab. «Jeder wünscht sich immer einen guten Start. Gerade in so einem Turnier ist es wichtig, dass wir gut gestartet sind, dass wir die Spielfreude an den Tag gelegt haben», sagte der WM-Rekordtorhüter, der sein Comeback «sehr positiv» sah: «Es ist einfach in mir, diese Vorfreude. Ich habe jeden Tag auf diesen Tag gewartet. Ich wollte unbedingt zwischen den Pfosten spielen. Es hat sich gut angefühlt, mit der Mannschaft auf dem Platz zu stehen.»
Nach dem Auftaktsieg ist ein drittes WM-Vorrundendesaster nach Russland 2018 und Katar 2022 praktisch ausgeschlossen, weil auch acht Gruppendritte weiterkommen. Ob der viermalige Weltmeister Deutschland tatsächlich Großes in Amerika vollbringen kann, wird sich frühestens gegen die Elfenbeinküste (20. Juni) und Ecuador (25. Juni) erweisen.
Zweithöchster WM-Sieg
Nach dem frühen Tor des starken Antreibers Felix Nmecha in der sechsten Minute mündete ein Intensitäts-Durchhänger sogar im irritierenden 1:1-Ausgleich für den WM-Neuling durch Livano Comenencia (21.).
Die Reaktion vor 68.021 Zuschauern danach stimmte: Mit dem ersten Länderspieltor von Nico Schlotterbeck (28.) und einem verwandelten Foulelfmeter von Kai Havertz (45.+5) war Bundestrainer Julian Nagelsmann zur Pause auf Kurs. Der spielfreudige Jamal Musiala (47.), der flotte WM-Debütant Nathaniel Brown (68.), Edeljoker Deniz Undav (78.) und erneut Havertz (88.) erfreuten die vielen deutschen Fans beim zweithöchsten WM-Sieg im überdachten und klimatisierten Football-Stadion in Texas mit weiteren Treffern. Die Torhymne «Major Tom» wurde zum Dauerhit.
«Es ist unbeschreiblich, in meinem ersten WM-Spiel zu treffen. Wir haben sieben Tore gemacht. Natürlich, das eine Tor war unnötig. Es tut uns gut, dass wir so viele Tore erzielt haben. Jetzt müssen wir an unseren Schwächen arbeiten», sagte Brown bei MagentaTV.
Enttäuscht war dagegen Dick Advocaat, der bei Curaçao mit 78 Jahren ältester WM-Trainer ist. «Wir haben 1:7 verloren, das haben wir nicht erwartet. Aber wir wissen, wie gut die Deutschen sind. Wir hoffen, dass noch ein bisschen mehr drin ist», sagte der frühere Bondscoach. Für das Land sei die WM-Teilnahme unfassbar. «Ein kleines Nest im Vergleich zu Deutschland. Das Wichtigste ist, dass wir im zweiten Spiel etwas besser werden», so Advocaat.
Neuer mit 20. WM-Spiel Rekordtorhüter
Um 12.00 Uhr Ortszeit war das Comeback von Neuer nach zwei Jahren perfekt. Erst kurz vor der WM hatte Nagelsmann den 40 Jahre alten Routinier, der mit seinem 20. WM-Spiel zugleich zum Rekordtorhüter aufstieg, zurückgeholt und den in der WM-Qualifikation spielenden Stammtorwart Oliver Baumann zur Nummer zwei degradiert. «Manu hat eine Riesen-Turnier-Erfahrung. Die ist nicht nur im Spiel wichtig, sondern auch vor dem Spiel. Er hat alles erlebt, von ganz positiven Momenten bis hin zu sehr negativen auf der großen Bühne. Er ist ein Ruhe gebender Faktor für uns. Und er ist nach wie vor einer der besten Keeper der Welt», sagte Nagelsmann.
Aber gegen die Nummer 82 der Weltrangliste hatte sich Neuer unter geschlossenem Hallendach bei angenehmen 22 Grad den Start in das nächste WM-Abenteuer ganz anders vorgestellt. Der erste Schuss auf sein Tor war auch gleich drin. Kapitän Joshua Kimmich hatte den Schuss von Comenencia unhaltbar abgefälscht. «Wenn er nicht abgefälscht wird, habe ich ihn. Ich hätte ihn gern gehalten», so Neuer.
Früheste WM-Tor seit Lahm 2006
Bis dahin hatte die deutsche Mannschaft das Spiel eigentlich gut im Griff, nachdem der erhoffte Traumstart gelungen war. Nmecha ließ nach Doppelpass mit Florian Wirtz bereits in der sechsten Minute - dem frühesten deutschen WM-Tor seit Philipp Lahm beim Sommermärchen 2006 - Bundestrainer Nagelsmann in der Coachingzone erstmals jubeln. Das DFB-Team bestimmte Ball und Gegner, bis auf einmal die Intensität nachließ und der krasse Außenseiter aufkam.
Der Schreckmoment zeigte kurz Wirkung, Kimmich und Co. begannen zu diskutieren und lamentieren. Sollte es etwa den nächsten Schock-Auftakt nach 2018 (0:1 gegen Mexiko) und 2022 (1:2 gegen Japan) geben?
Sané wieder glücklos
Dieses Mal nicht. Die deutsche Mannschaft zeigte eine Reaktion, kam durch Schlotterbeck (28.), Pavlovic (30.) und Sané (32.) zu guten Gelegenheiten. Vor allem Sané hätte das Tor machen müssen. Der eigenwillige Stürmer bot aber nicht nur wegen seiner vergebenen Chance, sondern auch mit einem uninspirierten Auftritt auf der rechten Außenbahn seinen Kritikern wieder eine Angriffsfläche.
Immerhin beruhigte Schlotterbeck mit seinem ersten Tor im DFB-Dress, das er mit seinem üblichen Muskel-Jubel feierte, nach Ecke von Nathaniel Brown die Gemüter. Apropos Brown. Der Frankfurter Linksverteidiger, einer von fünf WM-Debütanten, zeigte mit einer guten Leistung, warum er laut «Bild»-Zeitung für über 50 Millionen Euro vor einem Wechsel zum FC Bayern steht.
Spätestens mit dem verwandelten Foulelfmeter von Havertz kurz vor der Pause waren die Sorgen der vielen deutschen Fans vor einem WM-Fehlstart dahin. Es war der fünfte verwandelte Strafstoß im sechsten Versuch des Mannes vom englischen Meister FC Arsenal. Zuvor war Nmecha gefoult worden. Der Dortmunder war damit quasi der Mann der ersten Hälfte und nach seiner Verletzungspause ein echter Gewinn.
Musiala sorgt für Top-Start nach der Pause
Die beruhigende Pausenführung brachte dem viermaligen Weltmeister die Sicherheit im Spiel. Und es ging in der zweiten Halbzeit gleich optimal weiter. Nach Pass von Kimmich traf Musiala aus spitzem Winkel. Ein Tor, das dem Fußball-Künstler auf dem Weg zurück zu alter Stärke helfen sollte, bevor ihn Nagelsmann vom Feld nahm. « Er hat sich bei der Auswechslung sympathisch beschwert», erklärte Nagelsmann. Eine Verletzung habe nicht vorgelen.
Damit war das Duell zwischen dem jüngsten (Nagelsmann/38 Jahre) und ältesten Trainer (Advocaat/78) bei dieser WM entschieden. Sané ließ eine weitere Großchance liegen (63.). Besser machte es Brown nach Zuspiel des eingewechselten Deniz Undav, der sich auch noch in die Torschützenliste eintrug. Nagelsmann nutzte das klare Ergebnis, um einigen Spielern wie Antonio Rüdiger und Leon Goretzka noch einige WM-Minuten zu ermöglichen.
Havertz traf sogar kurz vor Schluss gleich nochmal. Damit war der zweithöchste WM-Sieg neben dem 7:1 gegen Brasilien beim WM-Triumph 2014 perfekt. Lediglich beim 8:0 gegen Saudi-Arabien waren die DFB-Kicker 2002 noch treffsicherer. Damals ging es am Ende bis ins Finale.
Klaus Bergmann, Arne Richter, Jan Mies und Stefan Tabeling, dpa
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