Lewis Hamilton: «Ich fühle mich so gut wie lange nicht mehr.» (Archivbild)
David Davies/PA Wire/dpa
Lewis Hamilton: «Ich fühle mich so gut wie lange nicht mehr.» (Archivbild)
Mega-Druck vor dem Saisonstart

Formel-1-Star Hamilton und der Weg aus dem Ferrari-Desaster

Lewis Hamilton hat Inventur gemacht. Das war nach einer desaströsen Premierensaison mit Ferrari auch bitter nötig. Kann der Formel-1-Superstar die Scuderia doch zum Weltmeister machen?

Mit aller Schonungslosigkeit hat Lewis Hamilton die Abgründe von Ferrari kennengelernt. Zum Ende seines desaströsen ersten Jahres mit der Scuderia sprach der Formel-1-Rekordweltmeister voller Frust sogar von der «schlechtesten Saison» seiner Karriere. Wenn man wie Hamilton 105 Königsklassenrennen gewonnen hat, dann aber erstmals ohne Podestplatz in einem Grand-Prix-Jahr bleibt - dann ist man zumindest gefühlt ganz unten angekommen.

Da kann es helfen, alten Ritualen zu folgen. «Jedes Jahr schreibe ich auf, wo ich nicht gut bin. Denn es gibt viele Bereiche, in denen ich nicht gut bin. Dann frage ich mich: Wie können wir das verbessern?», verriet Hamilton einmal. Diese Niederschrift würde man natürlich nur zu gern einsehen. Zumal nach seinem ersten Jahr mit Ferrari, aus dem nur der Sprintsieg in Shanghai schon am zweiten Rennwochenende heraussticht.

Zoff mit dem Renningenieur

  • Die Inventur. Der siebenmalige Weltmeister, der sich diese Bestmarke seit seinem letzten WM-Titel 2020 mit Michael Schumacher teilt, hat eine Inventur gemacht. Einer der sichtbarsten Unterschiede nach Hamiltons Bestandsaufnahme ist der neue Renningenieur. Riccardo Adami, mit dem der 41-jährige Engländer hörbar nicht auf einer Wellenlänge lag, ist Geschichte. Carlos Santi, Renningenieur des bislang letzten Fahrerweltmeisters von Ferrari, Kimi Räikkönen, ist vorerst der neue Mann an Hamiltons Seite. Ein gutes Omen?

«Ich habe diesen Winter viel Zeit damit verbracht, mich neu aufzubauen, mich neu zu fokussieren und meinen Körper und meinen Geist wirklich in einen viel besseren Zustand zu bringen», erzählte Hamilton, der ähnliche Worte aber schon vor den Saisonstarts der Vergangenheit geäußert hat. «Ich fühle mich im Allgemeinen so gut wie schon lange nicht mehr, nachdem ich einige Dinge in meinem Team und dann auch am Auto umgestellt habe.» Eine weitere Personalie betrifft seinen langjährigen Manager Marc Hynes, der mittlerweile für das brandneue Cadillac-Team arbeitet.

Ecclestone glaubt an Hamilton

  • Die Regelzäsur. Vielleicht werden Hamilton diese Änderungen guttun. Vielleicht auch der größte Reglementeinschnitt der jüngeren Grand-Prix-Geschichte in der Formel 1. «Die neue Formel 1 wird ihm mehr liegen, als sie Max Verstappen liegen wird. Ich glaube, dass Lewis der Sache auf den Grund geht, warum es bisher bei Ferrari nicht funktioniert hat, und die richtigen Schlüsse zieht», sagte der frühere Formel-1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone der Deutschen Presse-Agentur vor dem ersten Grand Prix des Jahres am Sonntag (5.00 Uhr/Sky) in Melbourne.

Die neuen Autos sind kürzer, schmaler und leichter. Die Motoren werden zu gut 50 Prozent vom Verbrenner angetrieben, der von komplett nachhaltigem Kraftstoff befeuert wird, die restlichen fast 50 Prozent liefert die Batterie. Hamilton hatte das permanente Energiemanagement aber noch als «komplex, so lächerlich komplex» kritisiert. «Ich hatte an einem Tag sieben Meetings. Es ist, als bräuchten wir einen Abschluss, um das alles komplett zu verstehen.»

Ferrari erstaunlich innovationsfreudig

  • Der Rückblick. Als die Formel 1 zuletzt eine vergleichbare Regelzäsur erfuhr, waren es ausgerechnet Mercedes und ihr damaliger Starfahrer Hamilton, die die Hybrid-Ära zu ihrem Vorteil nutzten. Sechs seiner sieben WM-Titel gewann der Brite nämlich seit jenem Einschnitt 2014. Und auch Ferrari selbst zeigte sich zuletzt erstaunlich innovationsfreudig. Ein neuer Flügel auf der Crashstruktur des SF-26 hier, ein rotierender Heckflügel da. Die zuletzt nicht für ihren technischen Mut bekannte Scuderia verblüffte während der Testfahrten in Bahrain.

«Im vergangenen Jahr waren wir noch an ein Auto gebunden, das ich letztendlich nur geerbt habe», meinte Hamilton. «Dieses Auto jetzt habe ich in den letzten acht, zehn Monaten am Simulator mitentwickelt, sodass es ein bisschen wie ein Teil meiner DNA ist. Deshalb fühle ich mich diesem Auto definitiv mehr verbunden.»

Schumacher: Hamilton hat weiter «den Speed»

  • Der «Sweet Spot». Für Ralf Schumacher läuft Hamilton aber weiter «einem gewissen optimalen Bild des Autos» hinterher, «was man schon im letzten Jahr nicht finden konnte. Mit dem neuen Konzept findet er vielleicht genau diesen Sweet Spot», erläuterte der frühere Formel-1-Pilot Schumacher der Deutschen Presse-Agentur die Suche nach dem optimalen Punkt, um als Fahrer maximale Leistung bringen zu können.

«Wenn er ihn dann erstmal hat, dann ist er super. Dass er den Speed nach wie vor hat, ist gar keine Frage. Man hat es aber letztes Jahr gesehen: Es geht ihm nicht mehr alles so leicht von der Hand und dann passieren Fehler», äußerte Schumacher weiter.

«Das wird eine verdammt gute Saison»

  • Der Boss. Patzer darf sich auch Teamchef Fred Vasseur nicht mehr erlauben. Seit Anfang 2023 verantwortet der Franzose das Formel-1-Projekt des chronisch ungeduldigen Rennstalls. Und sollte Ferrari in diesem Jahr nicht schnell Erfolge holen, wird sein Posten wackeln. «Lasst uns positiv sein und die Reise genießen», meinte Vasseur. Die Eingewöhnung bei einem Rennstall wie Ferrari braucht eben seine Zeit.

Vielleicht ist Vasseurs gute Laune tatsächlich angebracht. Vielleicht hat sich Hamilton tatsächlich wiedergefunden. Und vielleicht kann auch Ferrari diese quälende Durststrecke – letzter Fahrertitel 2007 mit Räikkönen, letzter Teamtitel 2008 – endlich beenden.

«Für einen Moment hatte ich vergessen, wer ich bin», räumte Hamilton ein und meinte damit vermutlich sein Hadern und Zetern mit dem störrischen Vorgängerauto und dem Team in der vergangenen Saison. Diese Einstellung werde man bei ihm aber «nicht noch einmal erleben. Ich weiß, was zu tun ist», betonte er. «Das wird eine verdammt gute Saison.»

Martin Moravec, dpa
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