Klopps Botschaft an die Welt: «I am The New One.» (Archivbild)
Boris Roessler/dpa
Klopps Botschaft an die Welt: «I am The New One.» (Archivbild)
Fußball-Nationalmannschaft

Klopps Botschaft an die Welt und das «Feuer» der Neulinge

Jürgen Klopp verkörpert den Aufbruch im DFB wie kein anderer. Er versprüht als «The New One» den Reiz des Neuen sogar rund um den Globus. In seinem aufgefrischten Kader entfacht er sofort Feuer.

Jürgen Klopp brennt - rund um die Uhr. Auf dem Platz. Und neben dem Platz. In Teamsitzungen. Mit positiven Botschaften. Mit Gesten, mit seinem Dauerlachen. Mit seiner einnehmenden Art, der sich niemand entziehen kann. Und das Feuer, das der 59-Jährige als nun auch noch selbst ernannter «The New One» vor seinem Debüt im Länderspiel-Klassiker gegen die Niederlande an diesem Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) entfacht, hat im Quartier in Herzogenaurach nicht nur die vielen Neulinge im DFB-Team sofort erfasst. 

Die erste Mannschaftssitzung im idyllischen Homeground war offensichtlich eine Ruckrede für die zunächst 24 Spieler um Kapitän Joshua Kimmich, die dem ersten Wochen-Kader angehören. «Durch seine lockere, positive Art, wie er einen anlacht, sagst du: Der ist ja ein Mega-Typ, mit dem hab' ich einfach Bock, zu arbeiten. Da merkt man: Für den würde ich durchs Feuer gehen», diktierte am Morgen danach der Freiburger Philipp Treu in die Reporterblöcke. Der 25-Jährige ist von Klopp auserwählt, die Rechtsverteidiger-Lücke zu füllen.

«Wenn Kloppo dich anruft, muss man hingehen»

Oder Younes Ebnoutalib. Der 23 Jahre alte Mittelstürmer, der mit vier Toren für Eintracht Frankfurt fulminant in die Bundesliga-Saison gestartet ist, hatte nach der ersten Ansprache des neuen Bundestrainers immer noch ein Leuchten in den Augen: «Er hat uns erklärt, was er von uns erwartet.» 

Und was ist das? «Er erwartet, dass wir mit Stolz die deutsche Nationalmannschaft präsentieren, Gas geben, auch wenn es mal nicht läuft, alles reinhauen.» Ebnoutalib war von seiner erstmaligen DFB-Berufung so angefixt, dass er sich nun für Deutschland und gegen sein zweites Heimatland Marokko entschieden hat. Obwohl Marokko bei der WM im Sommer weiter kam als der viermalige Weltmeister Deutschland. «Wenn Kloppo dich anruft, muss man hingehen», begründete der Torjäger kurz und klar die Entscheidung. 

Klopps Menschenfänger-Gen, es scheint auf Anhieb zu wirken. «Dafür ist er bekannt, dass er Menschen sehr gut abholen und mitnehmen kann», sagte der Freiburger Abwehrspieler Max Rosenfelder, der auch erstmals dabei ist.

Hallo Welt: «I am The New One»

Es ist Kloppo-Time. Überall. Sogar weltweit. Über den englischen Instagram-Account des DFB sendete der Mann, der die einst stolze Fußball-Nation Deutschland reanimieren soll, eine Botschaft in die Welt. Ein typischer Klopp: «I am The New One», sagt er zu Beginn des Clips. «Ich bin der Neue.» 

Als er 2015 beim FC Liverpool loslegte, stellte er sich als «The Normal One» vor. Er sei der neue deutsche Nationaltrainer - «und ich könnte nicht glücklicher sein darüber», sagt Klopp. Er bedankt sich für die weltweite Unterstützung, die er fühle. Und er freut sich schon auf die Begegnungen, in welchem Stadion auch immer. 2028 findet die EM-Endrunde in Großbritannien und Irland statt.

Die letzten zwei Worte lauten: «Let's go!» Los geht's für ihn in Amsterdam gleich auf einer großen Bühne, gegen den deutschen Erzrivalen Niederlande. Ein Prestigeduell zweier WM-Verlierer, mit zwei neuen Trainern am Spielfeldrand. Aber die Augen der Welt werden vor allem auf Klopp ruhen.

Omnipräsent ist der Bundestrainer schon in der kurzen Vorbereitung in Franken. Nur bei der zentralen Arbeit auf dem Trainingsplatz mag sich Klopp nur so kurz wie möglich beobachten lassen. 15 Minuten - mehr gönnt er auch den Medien nicht bei den gerade mal zwei richtigen Übungseinheiten vor dem schnellen Ernstfall gegen das Oranje-Team des neuen spanischen Bondscoaches Xavi.

«Es könnte ein bisschen wild werden»

Klopp will den personellen und taktischen Überraschungs-Effekt bestmöglich für sich nutzen. Kein Außenstehender - schon gar nicht der Gegner - soll zu zeitig erfahren, was er genau vorhat in der Johan-Cruyff-Arena. «Es könnte ein bisschen wild werden» - so viel hatte der Bundestrainer angesichts der vielen, unerfahrenen Neulinge um Treu und Ebnoutalib vorab eingeräumt. 

So sehr Klopp seine Spieler pusht, so sehr ist er gleichzeitig bemüht, die überbordenden Erwartungen an einen Fußball-Umschwung in Überschallgeschwindigkeit zu dämpfen: «Ich kann nicht ändern, dass jetzt irgendjemand so dämlich ist, zu glauben, dass wir mit anderthalb Trainingseinheiten die Fußballwelt einmal auf den Kopf gestellt hätten.»

Das hat er aber fraglos schon mit seinem zweigeteilten XXL-Kader, der auch nach dem Ausfall des Leipzigers Brajan Gruda immer noch 43 Namen umfasst. Den Reiz des Neuen werden die Fans wohl schon in Amsterdam erleben. Die Korrektur eines Kardinalfehlers seines Vorgängers Julian Nagelsmann, die Rückversetzung von Kapitän Kimmich ins Mittelfeld, erfordert unbedingt eine Neubesetzung der Problemposition rechts hinten. 

Treu als Lösung nach der Kimmich-Korrektur 

Klopps erster Lösungsversuch scheint der Freiburger Treu zu sein. Das wurde schon bei der Kader-Nominierung überdeutlich, als Klopp sagte: «Wir reden in Deutschland darüber, wir hätten keine Rechtsverteidiger. Und da spielt einer, der muss sich selbst fragen: "Hä, wovon reden die?"». Gemeint war Treu. Und Klopp pries ihn an, als wäre er schon Weltklasse: «Philipp marschiert die Bahn rauf und runter, völlig wurscht zu welcher Tages- und Nachtzeit.»

Treu haben diese Worte angezündet, ja förmlich entflammt. «Das hat er mir auch im Einzelgespräch gesagt», berichtete der DFB-Debütant vom FaceTime-Call mit dem Bundestrainer: «Das ist natürlich eine coole Aussage. Und eine, die mir extrem Motivation gibt für diese Woche, wo ich einfach zeigen kann, was ich drauf habe und wer der Rechtsverteidiger von Freiburg denn ist.» 

Philipp Treu ist nur 1,72 Meter groß, nur zwei Zentimeter mehr als Philipp Lahm, Deutschlands Weltmeister-Kapitän von 2014 und Weltklasse-Außenverteidiger. Aber Kloppos Worte scheinen Treu auf Anhieb viel größer zu machen, als er ist. «Auf mich kann man sich immer verlassen. Zu jeder Tageszeit bin ich da, das ist mein Spielstil. Wenn ich spiele, lasse ich mein Herz auf dem Platz.» Genau das ist es, was Klopp sehen will. 90 Minuten Leidenschaft für Deutschland.

Von Klaus Bergmann und Arne Richter, dpa
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