Klopp soll neuer Bundestrainer werden. (Archivbild)
Tom Weller/dpa
Klopp soll neuer Bundestrainer werden. (Archivbild)
Deutscher Fußball-Nachwuchs

Klopp und der «Bolzplatz» - Wie Talente wieder Spitze werden

Nach dem WM-Debakel steht auch die Nachwuchsarbeit im Fokus. Wie Deutschland mit einer neuen Trainingsphilosophie, einer U21-Liga und mehr Individualität den Weg zurück in die Spitze schaffen will.

Diese Aussage vom designierten Bundestrainer Jürgen Klopp lässt erahnen, worauf er einen wesentlichen Schwerpunkt in der Ausbildung der Nationalspieler für die Zukunft legen wird. «Wir müssen den Bolzplatz ins Training packen, sonst wird nicht genug gekickt», lautet die auf der DFB-Seite prominent und in großer Schrift platzierte Klopp-Forderung. «Dass das jetzt organisiert dargestellt werden muss im Kinder- und Jugendtraining, ist der Zeit geschuldet, in der wir uns befinden.»

Die Aussagen vom Internationalen Trainerkongress 2024 beschreiben einen Kerngedanken der «Trainingsphilosophie Deutschland», mit der der Deutsche Fußball-Bund seine Talente entwickeln will. Nach drei enttäuschenden WM-Turnieren ist diese 2023 vorgestellte Strategie ein wesentlicher Baustein auf dem angestrebten Weg zurück in die Spitze. Der Erfolg der Reformen wird sich letztlich nicht an Jugendtiteln messen lassen, sondern daran, wie viele Spieler in einigen Jahren Stammkräfte in Bundesliga und A-Nationalmannschaft sind.

Was fehlt im deutschen Fußball?

Deutschland bringt derzeit zu wenige außergewöhnliche Individualisten hervor. Die Taktisierung des Fußballs und gegnerorientierte Mannschaftstaktiken haben in den letzten Jahren die Entwicklung der Talente gebremst. Ziel der Trainingsphilosophie ist: In kleinen Spielformen mit vielen Fußballaktionen, hoher Intensität und mutigem Handeln sollen junge Spieler Spielfreude, Entscheidungsverhalten und Individualität entwickeln. Durch die vielen direkten Duelle werden auch Zweikämpfe in den Vordergrund gestellt - wie es eben auch früher auf dem Bolzplatz war. «Wir haben an den Realitäten vorbeitrainiert. Deshalb haben wir auch Positionen verloren», sagte DFB-Direktor Hannes Wolf schon in der Anfangsphase des Projekts. Wolf ist die Schlüsselfigur der Reform.

Wie lange wird es dauern, bis Deutschland wieder Weltklasse ist?

Maßnahmen im Jugendbereich brauchen immer Zeit. Ein Musterbeispiel sind die Weltmeister von 2014. Anderthalb Jahrzehnte zuvor war das EM-Fiasko der Nationalmannschaft beim Vorrundenaus im Jahr 2000 der Startschuss für die Nachwuchsleistungszentren. 14 Jahre später wurde Deutschland mit reihenweise NLZ-Absolventen Weltmeister. Und danach? «Wir haben sicherlich nach dem WM-Titel 2014 den Fehler gemacht, dass wir dann den Schalter nicht umgelegt haben», sagte DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig bereits im vergangenen Jahr. Passenderweise bei einem Termin zur Trainingsphilosophie.

Wie sieht es im Nachwuchs aus?

Es gibt sie, die Talente. Das unterstreichen etwa EM- und WM-Titel der U17 im Jahr 2023. Doch der Weg in den Profibereich - und das ist nicht neu - bleibt hart. Finn Jeltsch ist der am weitesten entwickelte Feldspieler und hat sich beim VfB Stuttgart bereits in der Bundesliga etabliert. Der damalige Kapitän Noah Darvich soll nach seiner Leihe zu Bundesliga-Aufsteiger SV Elversberg den nächsten Schritt machen. Viele Weltmeister spielen noch in Regionalligen, zweiten Mannschaften oder pendeln zwischen Nachwuchs- und Profikader. 

Woran hapert es?

U21-Nationalcoach Antonio Di Salvo spricht oft über eine Basis: Jungprofis brauchen Spielzeit. Deutschland scheitert nicht daran, Talente hervorzubringen. Sondern daran, aus ihnen Top-Profis zu machen. Di Salvo wies einst auf den fallenden Anteil junger deutscher Spieler in der Bundesliga hin - und auf den Anstieg des Anteils ausländischer U23-Spieler. «Das muss sich ändern, wenn wir mit den Nationalteams wettbewerbsfähig bleiben wollen», forderte er.

Bundesliga-Geschäftsführer Marc Lenz mahnte am Ende der vergangenen Saison Besserungsbedarf an. «Die Nachwuchsarbeit in Deutschland ist gut, aber wir sehen da Luft nach oben», sagte Lenz. Nur neun deutsche Clubs sind laut Liga unter den Top-100-Akademien in Europa. Die Anzahl der Talente in der Bundesliga sei «signifikant geringer» als im Ausland. 

Wie entwickelt sich die Einsatzzeit?

Während Deutschland 2021/22 bei den Einsatzzeiten heimischer U20- und U21-Spieler noch auf Platz fünf hinter Frankreich, England, Spanien und Italien lag, belegt es laut aktuellen Zahlen inzwischen Rang drei hinter Spanien und Frankreich. Oft wird die These in den Raum gestellt, dass es Profitrainern an Mut mangele, die Toptalente einzusetzen. Ist es nur das? «Wenn ein 19-Jähriger nicht mindestens so gut ist wie der 28-Jährige, dann wird ihn kein Trainer aufstellen», betonte Wolf wiederholt. Deshalb müsse der 19-Jährige so gut ausgebildet werden, dass er besser als der 28-Jährige ist. Dann wird er spielen.

Was machen andere Nationen besonders gut?

Frankreich profitiert von einer riesigen Talentbasis und gibt jungen Spielern früh Verantwortung im Männerfußball. Spanien setzt seit Jahrzehnten auf Technik und Spielintelligenz, integriert Talente früh in seine Spielphilosophie. England hat seine Nachwuchsausbildung mit dem EPPP (Elite Player Performance Plan) professionalisiert; die hohen Investitionen der Premier League in Akademien und Trainer haben die Entwicklung beschleunigt. «Ich finde es grundsätzlich schwierig, sich zu viel an anderen zu orientieren», erklärte Wolf wiederholt. Deutschland müsse bei seinen Rahmenbedingungen den eigenen Weg gehen.

Wie kann der neue U21-Wettbewerb helfen?

Dieser soll für Spieler im Übergang zwischen Nachwuchs- und Profifußball helfen, kann fehlende Bundesliga-Einsätze aber nicht ersetzen. «Orte zu schaffen, wo man spielen und sich entwickeln kann, das macht unglaublich Sinn», sagte Wolf. Interessant: Er wendete sich bei seinen Worten im März auch an Klopp. «Ich habe Jürgen schon gratuliert. Das ist wahrscheinlich die am schnellsten eingeführte Liga in der deutschen Fußballgeschichte.» Klopp kennt ein solches Modell aus England, empfahl es Deutschland – und er zählt zu den prominentesten Unterstützern der Reform.

Christian Kunz und Ulrike John, dpa
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