Mit einer Liebeserklärung von Popikone Robbie Williams als glamourösem Souvenir kehrt Jürgen Klopp von seinem WM-Job nach Deutschland zurück - aber noch nicht als Bundestrainer. Schon vor der anstehenden Klärung der letzten Details für seinen fast unterschriftsreifen DFB-Vertrag sorgte der designierte Chefcoach der Fußball-Nationalmannschaft mit seinen letzten Experten-Statements mal wieder für mächtig Aufsehen - und zwar weit über die Erinnerung an die Unterwäsche von Williams hinaus.
Die überraschenden Klopp-Aussagen, die im Trommelwirbel der Mega-Show von East Rutherford und Spaniens WM-Triumph fast ein bisschen untergingen, sollten die maximal enttäuschten deutschen Fans auf dürre Fußball-Jahre einstimmen. Eine forsche Titelansage, wie einst von Julian Nagelsmann nach der Heim-EM postuliert, wird es von dem 59-Jährigen jedenfalls nicht geben.
«Wir müssen Erwartungshaltungen kreieren, die man erfüllen kann, wo man auch tendenziell überperformen kann, damit geht es schon mal los», sagte Klopp bei MagentaTV. Bämm! Die Zeiten von Fußball-Deutschland als automatischem Titelkandidaten sind vorbei. Das hat Klopp schon erkannt. Aber war das noch TV-Analyse oder schon Bundestrainer-Taktik? Baut da einer nach dem Teflon-Prinzip, dass alles Schlechte an ihm nicht haften bleiben kann, vor?
Klopp scheute sich jedenfalls nicht, an seinen künftigen Arbeitgeber rumzumäkeln. Zu viele Details über sein künftiges Engagement waren aus seiner Sicht in den vergangenen Tagen schon durchgesickert. «Wir sprechen aber mit einem Verband und viele Personen müssen informiert werden», sagte er und deutete an, dass die Indiskretionen aus dem großen DFB-Zirkel kamen.
Klopp fehlt der Kern der WM-Analyse
Dass viele mitreden und viele es besser wissen, daran wird er sich gewöhnen müssen - vielleicht eine der schwersten Aufgaben für das Alphatier Klopp. Schon jetzt missfiel ihm die Kakophonie der Experten in der WM-Aufarbeitung. «Aber nicht die großen Reden schwingen, was alle gemacht haben die letzten Wochen, weil alle die Diagnose schon abgeschlossen haben, das fehlt uns, das fehlt uns, das fehlt uns», lederte Klopp los. Und fügte wortstark an: «Wir kreieren nur Schlagzeilen und nichts davon trifft den Kern.»
Der Kern, das ist für ihn die Tatsache, dass Weltmeister Spanien mal wieder Fußball-Lichtjahre voraus ist. Das Schicksal teilt er mit seinem Vor-Vor-Vorgänger Joachim Löw, der vier Turniere bis zum WM-Sieg 2014 brauchte. «Dann vergleichen wir uns mit Spanien. Es hat ewig gedauert, bis die Spanier so aussehen, wie sie heute aussehen», sagte Klopp zur aktuellen Perspektive, den Weltmeister irgendwann einmal fußballerisch wieder einzuholen.
Das ist ohnehin der überübernächste Schritt. In den kommenden Tagen geht es um den Startschuss, der nach jetzigem Planungsstand mit der Vorstellung am Freitag in Frankfurt erfolgen kann, einen Tag nach dem 39. Geburtstag von Vorgänger Nagelsmann.
Sein Engagement bei Red Bull als weltweiter Fußball-Stratege hatte Klopp im TV selbst als erledigt bezeichnet. «Ich habe eine Einigung und eine Regelung mit Red Bull gefunden, eine sehr, sehr großzügige Regelung, wenn man so will», sagte Klopp vor der WM-Finalarena in New Jersey nach einem Gespräch mit Oliver Mintzlaff als Geschäftsführer der Brausefirma. Die Kompensation, die der DFB aufbringen muss, ist noch nicht bekannt.
Beschlossen scheint, dass Klopp beim DFB einen Vertrag bis zur WM 2030 unterschreibt. Dem müssen die DFB-Gremien noch zustimmen. Dies sind der Aufsichtsrat und die Gesellschafterversammlung des Verbandes. DFB-Präsident Bernd Neuendorf dürfte die Funktionäre bald zur nächsten digitalen Schalte einladen.
Mertesacker als weitere Top-Personalie
Im Schatten des Klopp-Hypes bahnt sich eine andere wichtige Personalie an. Per Mertesacker ist in der Pole-Position für den ab Jahresende vakanten Job als DFB-Geschäftsführer und Nachfolger von Andreas Rettig. Er könnte im Schatten von Sportdirektor Rudi Völler, der den großen ersten Sturm nach dem WM-Debakel überstanden hat, in die maßgebliche Verbandsfunktion hineinwachsen.
«Man muss dem DFB eins lassen: Der Kontakt zu mir ist irgendwie nie abgerissen. In der letzten Woche ist nochmal ein bisschen Dynamik reingekommen. Wir unterhalten uns sozusagen. Aber es gibt noch nichts zu verkünden», sagte Mertesacker als ZDF-Experte beim WM-Finale - praktisch in Sichtweite von Klopp. Formal würde er in dem Job sogar zum Chef des Bundestrainers werden.
Klopp als Trainer beim FC Liverpool und Mertesacker als Leiter der Jugendakademie des FC Arsenal haben in der Premier League gelernt. In England werden sie hochgeschätzt und Klopp wird sogar verehrt. Das machte Megastar Williams in der turbulenten Expertenrunde klar. «Wir lieben ihn. Er ist der Einzige, der (in England) überhaupt keine Probleme hatte. Wir lieben ihn», schwärmte Williams. Den vorangegangenen Unterhosen-Spruch von Klopp hatte er offenbar nicht mitbekommen.
Denn trotz aller deutschen Fußball-Probleme ist Klopp immer für eine Zote gut - auch eine schlüpfrige. «Als ich ihn das letzte Mal getroffen habe, trug er nur Unterwäsche», sagte er, als Williams zum Interview kam. Das fanden auch Thomas Müller und Mats Hummels neben ihm ziemlich lustig. Details blieb Klopp aber schuldig.
Ernst wird es für ihn ohnehin schnell genug. Im September und Oktober wird nun sein Wirken erstmals bei Länderspielen analysiert werden, wenn Deutschland in der Nations League zuerst in den Niederlanden und dann binnen weniger Tage noch gegen Serbien und zweimal Griechenland antritt.
DFB-Stars sollen sich vom Verlierer-Image befreien
Etwas erschrocken habe er festgestellt, dass es nur noch ungefähr «60 Tage» seien bis zum ersten Spiel, erzählte Klopp. Genau genommen sind es 66. Am 24. September kommt es in Amsterdam zum immer brisanten Kräftemessen mit Oranje. Bis dahin muss ein Klopp-Credo greifen: «Zu dem Spiel gehört, dass man sich frei fühlt, dass man überperformen kann und nicht ständig das Gefühl hat: Wir sind nicht gut genug, wir machen es niemandem Recht.»
Von Arne Richter und Klaus Bergmann, dpa
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