Der vom neuen Trainer zurückgeholte Stürmer Fabio Silva von Borussia Dortmund freut sich darüber: «Es ist eine Freude, hier zu sein und von Ronaldo zu lernen. Er ist ein Idol!», sagte er. Ansonsten schwindet das Verständnis für Ronaldos Dauerpräsenz in dem fußballbegeisterten Land immer mehr.
Unter dem Titel «Jesus und die Apostel» veröffentlichte Portugals größte Sportzeitung «A Bola» dazu einen kritischen Kommentar. «Dankbarkeit rechtfertigt es nicht, dass er mit 41 Jahren weiterhin zwingend nominiert wird, geschweige denn einen Stammplatz in der Nationalmannschaft innehat», heißt es darin.
«Und das auch noch, während er in einer Liga spielt, die eher am Rande des Weltfußballs steht und kaum internationale Bedeutung hat.» Seit 2023 spielt Ronaldo für den saudi-arabischen Club Al-Nassr. Sein Trainer dort in der vergangenen Saison: Jorge Jesus.
1000 Tore als Karriereziel
Warum Portugals Rekordjäger auch nach 233 Länderspielen, sechs WM- und sechs EM-Teilnahmen immer noch im Nationaltrikot weiterspielt, darüber gibt es verschiedene Mutmaßungen. Eine davon: das gute Verhältnis zwischen Ronaldo und dem neuen Trainer. Eine andere: Der fünfmalige Gewinner des «Ballon d'Or» möchte möglichst schnell die magische Grenze von 1000 Karrieretoren für alle National- und Clubteams erreichen. Bei 979 steht er aktuell.
«Ich glaube, dass er sein 1000. Tor eher bei Al-Nassr als in der Nationalmannschaft erzielen wird», sagte Jorge Jesus. Überhaupt ist der neue Trainer bemüht, das Thema Ronaldo tief zu hängen: «Cristiano ist ein Spieler wie jeder andere», sagte er. «Wenn er gut performt, dann spielt er. Wenn nicht, dann spielt er nicht.»
Der 72-Jährige ist bereits der sechste Nationaltrainer, seit Ronaldo 2003 gegen Kasachstan im rot-grünen Trikot debütierte. Und seit dem knorrigen Brasilianer Luiz Felipe Scolari in den ersten Jahren hat sich niemand mehr so wenig um die öffentliche Meinung geschert wie der selbstbewusste Jorge Jesus.
Auch Ex-Bayern-Profi ist zurück
Seit 36 Jahren ist er mittlerweile Profitrainer. Titel gewann er bereits in Portugal (Benfica Lissabon), Brasilien (Flamengo Rio de Janeiro), der Türkei (Fenerbahce Istanbul) und Saudi-Arabien (Al-Hilal und Al-Nassr). Die Nationalmannschaft sei «das Sahnehäubchen» seiner Karriere, sagte Jorge Jesus vor dem Wales-Spiel.
Gemessen an der Einwohnerzahl von 11 Millionen Menschen formt und exportiert kein anderes Land der Welt so viele Spitzenfußballer wie Portugal. Allein seit 2025 wechselten vier weitgehend unbekannte Talente wie Dário Essugo, Mateus Fernandes, Geovany Quenda und Rodrigo Mora für zusammen rund 150 Millionen Euro nach England oder Italien.
Eingesetzt werden sie aber vorerst nur in der U21-Auswahl. Jorge Jesus holte stattdessen den 31 Jahre alten João Palhinha (Benfica Lissabon) zurück, den der FC Bayern München in diesem Sommer unbedingt loswerden wollte. «Jeder Trainer hat seine eigenen Ideen», sagte der Neue. «Und ich habe meine Vorstellungen.»
Sebastian Stiekel, dpa
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