Oliver Baumann trainiert vor der WM-Generalprobe der Nationalmannschaft.
Federico Gambarini/dpa
Oliver Baumann trainiert vor der WM-Generalprobe der Nationalmannschaft.
Fußball-Nationalmannschaft

Ohne Neuer in den Test der Emotionen - Karl droht WM-Aus

Diese Generalprobe hat es in sich. Gegen WM-Gastgeber USA soll die Brust der DFB-Stars breiter werden. Ein Comeback lässt aber auf sich warten. Plötzlich gibt es große Sorgen um Jungstar Karl.

Geduld bei Manuel Neuer, große WM-Sorgen um Lennart Karl. Sachlich und ruhig verkündete Julian Nagelsmann den weiteren Ausfall von Neuer bei der Turnier-Generalprobe gegen die USA. «Es geht ihm gut. Er ist auf dem Weg zu bester Fitness. Aber wir wollen kein Risiko eingehen», sagte der Bundestrainer in dem kleinen Kellerraum im Soldier Field. Ganz anders reagierte er aber auf die Trainingsverletzung von Karl. 

Der 18-Jährige zog sich eine Blessur im Abschlusstraining zu. «Wir fahren jetzt ins Krankenhaus», sagte der spürbar betroffene Nagelsmann und bat eindringlich um Ruhe für den jungen Bayern-Profi. Für die WM müsse man «schauen». Damit deutete der Bundestrainer eine gravierendere Verletzung an, ohne Details zu nennen. Der Blick des 38-Jährigen ließ echte Sorge erkennen. Er äußerte sogar schon den Gedanken an eine Nachnominierung. 

Das Comeback von Rekordtorwart Neuer lässt derweil in jedem Fall weiter auf sich warten. Die Muskulatur in der Wade muss weiter heilen. Auch gegen den WM-Gastgeber wird am Samstag (20.30 Uhr/RTL) Oliver Baumann im Tor der Fußball-Nationalmannschaft stehen. 

Neuer für Curaçao bereit

Neuers Comeback ist jetzt fest für den WM-Auftakt am 14. Juni in Houston gegen Curaçao eingeplant, vier Wochen nach seinem letzten Einsatz für den FC Bayern. «Wir wollen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass nichts passiert», sagte Nagelsmann zu Neuers Fitness-Problemen. Der 40-Jährige werde zum ersten Gruppenspiel «topfit» sein und in der kommenden Woche im Teamquartier in Winston-Salem ins Training einsteigen, kündigte Nagelsmann an. 

Baumann hatte unter den grauen Wolken als Erster den Rasen des Soldier Fields - gefolgt von Alexander Nübel und Jonas Urbig. Neuer aber fehlte beim Abschlusstraining - da war klar, dass weiterhin Geduld gefragt ist. Neuer war auch im Soldier Field, setzte seinen persönlichen Belastungsaufbau aber erst später fort. Der Plan von Nagelsmann war ein anderer. Fällt Neuer noch länger aus, wird die Sinnhaftigkeit des Comebacks infrage gestellt werden.

Trotz aller unerfreulichen Personal-News: Die Generalprobe gegen den stolzen Gastgeber USA wird für den Bundestrainer zum ultimativen Test der Emotionen. Im pickepackevollen Soldier Field will der Bundestrainer den Turnierernstfall simulieren und stellt dafür sogar den fußballspezifischen Feinschliff zurück. 

Bestmarke für Nagelsmann möglich

Mit dem neunten Sieg in Serie und dem 600. Erfolg in der langen DFB-Geschichte soll der Zündfunke für die perfekte WM-Stimmung erzeugt werden. «Da haben wir keine klare taktische Idee, die super einen der Gruppengegner widerspiegelt. Es geht einfach darum, die Emotionalität aufzusaugen und auch bei dem Turnier dann quasi anzukommen», sagte Nagelsmann, der als Bundestrainer noch nie neunmal in Serie ungeschlagen blieb.

Der Countdown tickt unerbittlich Richtung Anstoß des XXL-Turniers. Fokus und Leidensbereitschaft will Nagelsmann sehen. Und seine Teamanführer haben den Plan verstanden. Die frühe Anstoßzeit kurz nach der amerikanischen Mittagsstunde und eine aufgeheizte Atmosphäre dank der mehr als 60.000 erfolgshungrigen Heimfans, das sind die Faktoren, die auch für Kai Havertz besonders sind. 

Havertz zieht WM-Vergleich

«Und deswegen gehen wir das Spiel an wie ein WM-Spiel und wollen natürlich auch wieder Selbstvertrauen sammeln», sagte der 26-Jährige, der nach der Erfolgssaison beim FC Arsenal in der Offensive bei Nagelsmann gesetzt ist.

Speziell macht das Kräftemessen die Siegesserie, die jetzt nicht reißen darf. Die WM-Brust darf ruhig noch etwas breiter werden. «Natürlich wissen wir, dass es noch Luft nach oben gibt, dass wir uns noch verbessern müssen, weil die Gegner besser werden. Das Spiel gegen die USA wollen wir noch positiv bestreiten - und dann sind wir bereit» versprach Kapitän Joshua Kimmich.

Das Rätsel um Gesundheit und Fitness von Neuer bestimmte die ersten Tage in Amerika. Schöne Bilder wurden von den DFB-Stars geliefert. Vom Spaziergang in der Sonne am Lake Michigan. Oder vom gemeinsamen Bummel zum Café im schicken Stadtteil Gold Coast. Das sah alles recht entspannt aus. Doch für 90 Minuten auf Wettkampfniveau reicht es noch nicht. Nagelsmanns Maxime heißt weiter Risiko-Minimierung. Die WM zählt, nicht der letzte Test. 

Jugend oder Erfahrung als WM-Faktor

Im Neuer-Hype gehen andere wichtige Personalfragen beinahe unter. Setzt Nagelsmann für den großen Titeltraum auf Jugend oder Erfahrung? Die Karl-Blessur könnte einen Strich durch die Rechnung machen. Leroy Sané (30) hat plötzlich wieder bessere WM-Chancen. Nathaniel Brown (22) hat sich hinten links ganz unbekümmert in die Startelf gespielt zulasten von David Raum (28). 

«Wir Jungen sollen das allgemein hier ein bisschen reinbringen, einfach Unbekümmertheit, dass wir keinen Druck spüren und einfach frei aufspielen sollen. Ja, es läuft bis jetzt sehr, sehr gut. Und da wollen wir weitermachen», sagte der angeblich im Transfer-Flirt mit dem FC Bayern steckende Frankfurter Brown. 

Auch in der Mittelfeldzentrale muss Nagelsmann entscheiden, ob Felix Nmecha (25) und Aleksandar Pavlovic (22) wie zuletzt das Stammduo bilden. Leon Goretzka (31) wäre wieder außen vor. Harte Entscheidungen stehen an. 

«Ich glaube nicht, dass am Ende die Namen zählen, wenn es darum geht, ein Turnier zu gewinnen. Sondern vielmehr geht es um den Zusammenhalt, den Spirit in der Mannschaft. Und deswegen ist für uns alles möglich», sagte Verteidiger Jonathan Tah zu allen Personalspekulationen. 

Gastgeberrolle noch bekannt

Amerika sei «eine Top-Mannschaft», warnte Havertz. Den speziellen Druck, Turnier-Gastgeber zu sein, den kennen viele Spieler in Nagelsmanns Aufgebot noch von der Heim-EM 2024. Die US-Boys wollen ihren Fans etwas bieten. «Und deswegen wird es für uns ein guter Test sein, eine gute Probe fürs erste Gruppenspiel dann», sagte Havertz. Auch ohne Neuer und Karl.

Von Arne Richter und Klaus Bergmann, dpa
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