Rudi Völler ist bei der WM als Mutmacher für die DFB-Elf gefordert.
Federico Gambarini/dpa
Rudi Völler ist bei der WM als Mutmacher für die DFB-Elf gefordert.
Fußball-Nationalmannschaft

Völlers Botschaft vor Paraguay: «Da geht es um alles»

Rudi Völler setzt nach dem Ecuador-Rückschlag auf Zweck-Optimismus und stellt klare Forderungen. Mit dem Start der K.o.-Phase muss die Offensive «zünden». Der Bundestrainer passt die Vorbereitung an.

Wer am Morgen mit einer Kaffeetasse in der Hand im flotten Schritt und einem Lächeln im Gesicht zur Arbeit kommt, der kann keine größeren Sorgen haben. Oder doch? Rudi Völler ist bei seinem Auftritt vor dem ersten K.o.-Spiel der Fußball-Nationalmannschaft gegen Paraguay erneut in die Rolle des WM-Mutmachers und Verteidigers von Bundestrainer Julian Nagelsmann geschlüpft.

«Der Glaube ist da, dass wir am Montag alles herausholen, dass wir absolut ans Limit gehen, was ja auch selbstverständlich ist, ein richtig gutes Spiel machen und natürlich in die nächste Runde einziehen wollen», sagte der DFB-Sportdirektor im Teamquartier in Winston-Salem.

Ecuador-Rückschlag abhaken

Die Nachwirkungen des 1:2-Rückschlags zum Abschluss der Gruppenphase gegen Ecuador wollte Völler relativieren. Die öffentliche Debatte um den absoluten Siegeswillen der DFB-Elf sei angesichts des vorab gesicherten ersten Gruppenplatzes müßig. Der ganze Fokus ist nun auf Paraguay als nächstem Gegner im ersten Alles-oder-Nichts-Spiel ausgerichtet. 

«Es wird jetzt natürlich am Montag ganz anders sein. Da geht es um ein K.o.-Spiel. Da geht es um alles, um eine Runde weiterzukommen oder nach Hause zu fahren. Das wissen die Spieler», sagte Völler.

Rettigs erstaunliches «Messer»-Zitat

Deutlich drastischer und ziemlich offenherzig hatte zuvor DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig die Lage im DFB-Quartier kommentiert. «Wir wissen, dass wir nun das Messer am Hals haben in den K.o.-Spielen», sagte der 63-Jährige bei MagentaTV. Klartext, den Völler in dieser Deutlichkeit nicht mitging. Für ihn steht das Prinzip Hoffnung im Vordergrund. 

Nagelsmann hat die Vorbereitung jedenfalls modifiziert. Viel steht auch für ihn persönlich am Montag (22.30 Uhr/ZDF und MagentaTV) in Foxborough auf dem Spiel. Keine Entspannung. Kein Tag am Pool für Kai Havertz und Co. Stattdessen bei schwül-heißem Südstaaten-Wetter eine Trainingsschicht am Nachmittag, wenn die Hitze besonders drückend ist auf dem mit schwarz-rot-goldenen Banderolen hermetisch abgeschlossenen Platz im Spry Stadium. 

Sogar beim Spielersatztraining der Reservisten am Vortag sei die notwendige Mentalität schon wieder zu spüren gewesen, berichtete Völler in seiner Funktion als erster Optimismus-Beauftragter. «Das war außergewöhnlich gut. Die Jungs ziehen toll mit, super mit», sagte der 66-Jährige.

«Jetzt geht die WM richtig los», verkündete Völler. Nagelsmann hat also keine Zeit zu verlieren. Mehrfach beschrieb Völler die bisherigen Turnierentscheidungen des Bundestrainers als gut und richtig. Auch die gegen Ecuador vorgenommen Einwechslungen. Zusammenstehen müsse man jetzt. Die Kritik von außen akzeptieren, aber nicht überbewerten. 

Kimmich fordert: «Dinge ansprechen»

Stellvertretend kommentierte Kapitän Joshua Kimmich: «Wir müssen die Dinge ansprechen, die wir nicht gut gemacht haben. Das wird der Trainer auch sicherlich tun. Und dann müssen wir unsere Schlüsse daraus ziehen.»

Bei einem Aus gegen Paraguay wäre der Gruppensieg kein Plus-Argument mehr. Wie 2018 und 2022 wäre Deutschland nicht mehr dabei, wenn die letzten 16 Teams den Titel ausspielen. Aber allein dieser Gedanke darf in den Köpfen keinen Raum einnehmen. Paraguay kam nur als Gruppendritter hinter den USA und Australien weiter. Es ist keine Fußball-Großmacht wie Frankreich, die im Achtelfinale der Kontrahent werden könnte. 

Paraguay. Da werden natürlich auch bei Völler Erinnerungen wach. 2002 waren die Südamerikaner auch der erste deutsche K.o-Gegner. Im Jeju World Cup Stadium von Seogwipo in Südkorea erzielte Oliver Neuville in der 88. Minute den erlösenden Siegtreffer im WM-Achtelfinale. Ein klassischer Arbeitssieg. «Da könnte ich diesmal auch sehr gut mit leben, auf jeden Fall», sagte Völler. 

Gegen Ecuador setzte Nagelsmann auf personelle Kontinuität, gab erst mit seinen Einwechslungen Spielern in Nebenrollen WM-Minuten. Und jetzt? Schwer vorstellbar, warum der Bundestrainer von seiner Leitlinie abrücken sollte. Völler stellte eine klare Forderung an die Offensivabteilung mit Havertz und den in Zauber-Kurzarbeit steckenden Wirblern Jamal Musiala und Florian Wirtz. «Um die ganz großen Ziele zu erreichen, müssen diese Spieler liefern. Sie wissen auch, dass noch Luft nach oben ist», sagte Völler. 

Physis als Knackpunkt

Eine weitere Völler-Forderung: Weniger Ballverluste im Mittelfeld. Diese Schwachstelle hätten die Gegner erkannt. Und in Paraguay wartet ein Team, das sich genau darauf ausrichten wird. Da muss man gegenhalten können.

Wird die Physis wieder zum DFB-Problem? «Fußball muss gewürzt werden mit Leidenschaft, Intensität und Emotionalität. Wenn es für dich einfach nur Kicken ist, dann wirst du nicht weit kommen», warnte Jürgen Klopp als MagentaTV-Experte vor einem frühen Scheitern. 

Nagelsmann sieht keine generelle schnelle Abhilfe, was die Robustheit angeht. Er nannte aber einen Ausweg. «Körperlichkeit ist schwer zu trainieren, weil die Spieler eine gewisse Konstitution haben. Da muss man den Ball in der einen oder anderen Situation früher wegspielen, um einem direkten Zweikampf aus dem Weg zu gehen», forderte der Bundestrainer.

Von Arne Richter und Klaus Bergmann, dpa
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