Ceferin als Gegenentwurf zu Infantino
«Als Folge der heutigen Diskussion werden keine Nationalmannschaften aus der UEFA an einem FIFA-Wettbewerb teilnehmen, solange diese Vorschläge bestehen bleiben, es sei denn, dieser Vorschlag wird vollständig verworfen und es werden verbindliche Zusicherungen gegeben, dass die FIFA ihre Führung oder Wettbewerbe nie wieder für private Eigentümer öffnet», ließ die UEFA wissen. Das Statement lässt keinerlei Interpretationsspielraum.
Wie bei Teil eins (Empörung) und Teil zwei (Spott) wird Ceferin dabei nicht zitiert, er wird in der Mitteilung nicht einmal namentlich erwähnt. Doch der 58-Jährige ist wieder einmal derjenige, der den Widerstand anführt. So war es auch schon bei Infantinos gescheiterten Milliardenplänen im Jahr 2018 und der von Topclubs erdachten und vorbereiteten Super League, die Ceferin und seine UEFA 2021 auf spektakuläre Art und Weise platzen ließen.
«Der DFB hat volles Vertrauen in sein Handeln und in ihn als Person», sagte Präsident Bernd Neuendorf einmal über den Slowenen, der die UEFA seit 2016 lenkt und im kommenden Jahr nicht mehr für eine weitere Amtszeit kandidieren möchte. Ceferin ist in vielen Belangen der Gegenentwurf zu Infantino. So pflegt der Slowene auch keine eigenen Social-Media-Kanäle.
UEFA mit beispiellosem Stück der Geschlossenheit
Dafür könnte er mit der offenen Drohung an die FIFA dafür sorgen, dass nicht nur das Investorenprojekt für mehr Geld für alle, mehr Einfluss für die USA und eine Dauerboss-Rolle für Infantino platzt. Sondern auch, dass sein Erzfeind Infantino über den eigenen Plan stolpert - und sich viel früher als gedacht von der großen Macht verabschieden muss.
Denn Ceferin, gelernter Rechtswissenschaftler und früher aktiver Karate-Kämpfer, und seine UEFA haben die Tür für Investoren bei der FIFA nicht nur zugeschlagen, sondern quasi verrammelt. Dass alle 55 europäische Nationen innerhalb dieser kurzen Zeit «verbindliche Zusagen» fordern, die FIFA-Führung dürfe sich «nie wieder für private Eigentümer» öffnen, ist ein beispielloses Stück der Geschlossenheit. Und es ist von Ceferin orchestriert.
Der Slowene liegt mit Infantino schon längere Zeit im Clinch. Beim WM-Finale vor knapp zwei Wochen in East Rutherford bei New York war Ceferin nicht im Stadion, obwohl UEFA-Vertreter Spanien gegen Argentinien antrat.
Boykott schon im September auf Prüfstand
Man konnte die Abwesenheit des europäischen Verbandsbosses durchaus als Signal nach dem Skandal um Folarin Balogun werten. Der US-Stürmer bekam bei der WM seine Rotsperre für das Achtelfinale erlassen, nachdem US-Präsident Donald Trump bei Infantino angerufen hatte. Schon damals hatte die UEFA davon gesprochen, dass «eine rote Linie überschritten» sei und die Integrität des Spiels auf dem Prüfstand stehe.
Doch handfeste Konsequenzen gab es während des laufenden Turniers nicht. Das ist diesmal anders. Im September soll die U20-WM der Frauen in Polen stattfinden, im Oktober sind Playoff-Spiele für die Frauen-WM 2027 in Brasilien angesetzt. Wie soll das gehen? Falls Infantino und die FIFA den Plan mit den Investoren nicht vor Ende der Frist am 19. September verwerfen, dürfte im Weltfußball auf die Drohung das große Chaos folgen.
Ceferin kann sich dabei nach dem beispiellosen Zeichen der UEFA-Mitglieder zurücklehnen und in Ruhe zusehen, wie die FIFA reagiert. Denn in dem Moment, in dem Infantino wegen des offenen Bruchs mit den Europäern stürzt, gibt es nur einen logischen Kandidaten für dessen Nachfolge: Aleksander Ceferin.
Von Patrick Reichardt, dpa
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