George Russell gibt den WM-Titel nicht auf.
Darko Bandic/AP/dpa
George Russell gibt den WM-Titel nicht auf.
Formel 1 in Aserbaidschan

WM-Duell als Psychospiel: «Jetzt geht es ans Eingemachte»

George Russell besteht die Nervenprobe von Baku. Nach seinem 0,196-Sekunden-Finish wittert der Engländer wieder seine WM-Chance. Entgleitet Teamkollege Kimi Antonelli das Titel-Momentum noch?

Nach seinem Zittersieg in den Häuserschluchten von Baku läutete George Russell im WM-Duell mit seinem Mercedes-Teamkollegen Kimi Antonelli die Zeit der Psychospielchen ein. «Auf mir lastet weniger Druck als auf ihm», meinte der Engländer nach seiner bestandenen Nervenprobe in Aserbaidschan. Mit dem Hauch von 0,196 Sekunden - oder der Winzigkeit von 19 Metern - vor Red-Bull-Star Max Verstappen überquerte er nämlich die Ziellinie zu seinem dritten Saisontriumph.

Russell verkürzte seinen Rückstand in der Fahrerwertung auf WM-Spitzenreiter Antonelli nach dem 15. von 23. geplanten Grand Prix auf 66 Punkte. Das Wunderkind aus Italien musste nach einem Debakel in der Qualifikation und Startplatz 16 mit Position fünf im Rennen Schadensbegrenzung betreiben.

«Crunch Time» in der Formel 1

«Mein Teamkollege hat bis jetzt eine unglaubliche Saison hingelegt. Er war die ganze Zeit über nahezu fehlerfrei, aber jetzt geht es ans Eingemachte», verkündete Russell und implizierte die Frage: Kann Antonelli in der «Crunch Time» der Saison bestehen?

Russell attestierte seinem Teamkollegen den «ersten Fehler der gesamten» Saison, als der Mann aus Bologna in der Startplatzjagd zu früh einlenkte und seinen Wagen demolierte. «Für mich war es definitiv das schlechteste Wochenende der Saison, was die Performance angeht. Ich war nicht wirklich da, nicht wirklich präsent und bin besonders nach der Qualifikation nicht die gleichen Risiken eingegangen wie sonst», berichtete Antonelli. «Es ging eigentlich nur noch um Schadensbegrenzung.»

Drei Wochen nach dem Meisterstück in Monza, als er von Startplatz 19 zum sensationellen Sieg gerast war, verpasste Antonelli sein nächstes Wunder. In der Endabrechnung kann für den seit Ende März in Japan in der WM-Wertung Führenden aber jeder Punkt wichtig werden. «Heute ist einfach so ein Tag, an dem man mit Platz fünf zufrieden sein muss», sagte der 20-Jährige. «Ich muss jetzt sicherstellen, dass ich nächstes Wochenende wieder auf meinem normalen Level bin.» Es geht nach Malaysia.

Grand Slam für Antonellis Verfolger

Russell hatte in den vergangenen Monaten mit seinem Mercedes heftig zu kämpfen. Der achtmalige Grand-Prix-Gewinner fühlt sich mit seinem Dienstwagen jedoch wieder versöhnt. In Baku schaffte er sogar das seltene Kunststück eines Grand Slam: Pole Position, schnellste Rennrunde, Sieg und Führung von Start bis zum Ziel.

«Ich habe diesen Glauben an mich selbst nie verloren. Selbst in schwierigen Momenten wusste ich, dass es einen Grund gab, warum ich nicht ganz mithalten konnte», erklärte Russell. In Baku wäre er erst durch das Safety-Car zum Schluss dem heranstürmenden Verstappen fast noch zum Opfer gefallen. «Es war ja nicht so, dass ich plötzlich vergessen hätte, wie man fährt. Ich wusste, dass ich wieder in die Spur kommen würde. Ich musste nur Geduld haben. Deshalb bin ich zuversichtlich.»

Russell braucht noch das WM-Fernglas

Sein WM-Rückstand ist aber immer noch immens. Andererseits sind im Idealfall noch 208 Punkte zu holen. «Ich habe einen großen Rückstand. Das kann sich aber schnell ändern», sagte Russell. Die «Daily Mail» sieht für ihn wieder einen Hoffnungsschimmer im WM-Kampf. Er könne zumindest «am Horizont» den Titel erahnen. «Hmm, man braucht zwar noch ein Fernglas, um ihn deutlich zu erkennen, aber er ist nicht mehr außer Sichtweite.»

Vielleicht kann Russell Zuversicht aus der vergangenen Saison ziehen. Da sah Oscar Piastri im McLaren lange wie der kommende Weltmeister aus. Ein auch durch interne Entscheidungen begünstigter Einbruch mit seinem Crash-Aus in Baku warf ihn dann aus dem WM-Kampf, Teamkollege Lando Norris triumphierte. «Ich will jedes Rennen gewinnen. Das ist der Plan», sagte Russell. Baku soll auch sein WM-Wendepunkt werden.

Martin Moravec, dpa
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