Mein Morgen

​ „Seit einem Jahr schlafe ich auf dem Balkon“

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Simons Leben mit der Krankheit MCS

Radio Regenbogen zahlt die Rechnung für einen neuen Schlafsack, damit Simon aus St. Peter auf dem Balkon "überwintern" kann – diese unglaubliche Geschichte steckt dahinter

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Atemnot, Sehstörungen, Schwindel. Simon Daum aus St. Peter im Schwarzwald leidet an der Krankheit MCS (Multiple-Chemikalien-Sensitivität), die er nach einer Umweltvergiftung vor einigen Jahren entwickelt hat. Seitdem hat sich sein Leben auf den Kopf gestellt. Duschen geht nur mit medizinischer Seife, essen muss er vitaminreich und ausgewogen und schlafen funktioniert ausschließlich in neutralerer Umgebung, unter freiem Himmel. 

Das eigene Zuhause als Allergiehölle

Angefangen hat alles vor circa zehn Jahren im früheren gemeinsamen Zuhause von Simon und seiner Frau. Beide entwickelten plötzlich eine Umweltvergiftung, möglicherweise ausgelöst durch chemische Stoffe in Wänden und Böden der Wohnung. Während seine Frau mit leichten Vergiftungserscheinungen davonkam, wurden Simons Symptome immer schlimmer. Die Diagnose: MCS. Multiple-Chemikalien-Sensitivität. Das heißt, starke Unverträglichkeit gegen sämtliche Chemikalien, wie zum Beispiel Abgase, Duftstoffe oder Lösemittel. Die Folge: ein Alltag voller Gefahren und extremen Einbußen der Lebensqualität. Dass er nach jahrelanger Suche mit der Familie eine geeignete Wohnung und einen Job fürs Home-Office gefunden hat, grenzt an ein mittelgroßes Wunder. 

Eine gespritzte Banane im Obstkorb reicht aus, dass ich Vergiftungserscheinungen bekomme

Wie fühlt sich das an, wenn man nirgendwo sicher ist? Egal ob neue Möbel, Klamotten, Autositze, gespritztes Obst oder Fernsehgeräte. Simon reagiert hypersensibel auf die geringsten chemischen Ausdünstungen. Deswegen kann er nicht raus. Aber drinbleiben geht auch nicht. Es gab Zeiten, in denen er sich nicht länger als 30 Minuten in der neuen Wohnung aufhalten konnte. Mittlerweile ist er, dank Entgiftung, so weit, dass er zumindest für ein paar Stunden in den eigenen vier Wänden verweilen und sogar gelegentlich einkaufen gehen kann. Trotzdem braucht er nachts Erholung von den Stoffen, die er tagsüber eingeatmet hat. Für ihn bedeutet das, raus auf den Balkon, rein ins Freiluft-Schlafzimmer. 

Nachtlager auf dem Balkon

Eine dicke Matratze, Schlafsack und kuschelige Winterdecken liegen draußen bereit. Seit dem Einzug in die neue Wohnung vor einem Jahr, schläft Simon auf dem Balkon. „Im Schwarzwald ist einfach gute Luft“, erklärt er im Skype-Interview mit Radio Regenbogen. Manchmal hört er nachts sogar Füchse und Rehe im angrenzenden Waldgebiet. Ein bisschen Naturromantik, auch wenn er die Romantik lieber mit seiner Frau teilen würde. Familie und Freunde unterstützen ihn mit seiner Krankheit, aber vollstes Verständnis und Toleranz waren ein langer Prozess.

Wir haben mit Simon über die Krankheit und seinen Umgang mit ihr gesprochen. Welcher Ort für ihn der sicherste ist, ob es eine Heilung oder Therapie für seine MCS-Erkrankung gibt und wie er einen geeigneten Job gefunden hat, das erfährst Du in diesem Video. 
 

 
Zur Krankheit

MCS, also Mulitple-Chemikalien-Sensitivität, ist eine chronische Multisystem-Erkrankung, von denen in Deutschland schätzungsweise 5% der Bevölkerung betroffen sind. Erkrankte klagen über ganz unterschiedliche Symptome, die von Atemnot und Schwindel über Muskelschwäche bis hin zu Sehstörungen und Geruchsverlust reichen können. Laut Studie des Robert-Koch-Instituts handelt es sich bei den Symptomen um Reaktionen, die durch viele chemisch nichtverwandte Substanzen ausgelöst werden. Sobald diese Auslöser beseitigt sind, verbessern sich die Symptome. Eine Heilung der Krankheit ist bislang aber noch nicht möglich. 

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