Chips in Schale
picture alliance / Prisma | Papp Stefan
Chips in Schale
Glücksgefühle durch Nutella-Effekt

Warum wir mit dem Knabbern nicht aufhören können

Nach Feierabend die Füße hochlegen, TV an und dazu eine Tüte Chips - die perfekte Belohnung. Dabei ist es egal, wie viel in der Tüte ist, es wird geknabbert bis sie leer ist. Aber warum ist das so?

Bis die Tüte leer ist

Egal ob es 100 Gramm sind oder sogar die doppelte Menge, eine geöffnete Chipstüte schafft es selten mit Rest in den nächsten Tag. Hat man erstmal mit dem Knabbern begonnen, kann man nicht mehr damit aufhören, bis man plötzlich in die leere Packung greift. Warum ist aber die Lust am Futtern so schwer zu bremsen? Warum kann man nicht aufhören, bevor die Tüte leer ist?

Die Antwort liegt auf der Hand: Weil das Futtern gerade von Fettigem oder Süßem glücklich macht, erklärt Martin Smollich, Ernährungswissenschaftler am Institut für Ernährungsmedizin an der Universität zu Lübeck und am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.

Glücksgefühl durch Nutella-Effekt

Wie der Ernährungswissenschaftler Martin Smollich weiter anfügt, haben die Darmzellen Sensoren für Zucker und Fett. Kommen dort die Moleküle aus der Nahrung an, werde ein elektrischer Impuls über die Nerven ins Gehirn geleitet. Es wird Dopamin ausgeschüttet, das wiederum unseren Appetit verstärkt und ein Glücksgefühl erzeugt.

Das Gehirn reagiere dabei ganz besonders glücklich, wenn Zucker und Fett in einem Lebensmittel miteinander kombiniert sind. Experten sprechen vom sogenannten Nutella-Effekt.

Ursprung in Zeiten des Mangels

Ihren Ursprung hat die Vorliebe für Süßes und Fettiges in Zeiten des Mangels. Nahrungsmittel waren früher knapp und vor allem im Winter hatte man kaum etwas zum Essen, wie Smollich erklärt. Dabei seien Fett und Zucker die wichtigsten Energieträger. "Menschen, die darauf besonders angesprochen und sich Vorräte für Hungerzeiten angegessen haben, hatten folglich auch die besseren Überlebenschancen."

Lust auf Süßes ist angeboren

Studien hätten gezeigt, dass der Mensch über eine angeborene Süßpräferenz verfügt, sagt Smollich. "Schon ungeborene Kinder im Uterus lächeln, wenn die Schwangere etwas Süßes statt etwas Bitterem isst." Diese Prägung mache auch Sinn: In der Natur gebe es fast nichts, was süß und gleichzeitig giftig sei. Giftige Pflanzen und Früchte schmeckten meist bitter.

Essen als Emotionsmanager

Auch kulturelle Muster sind ein Faktor. In einigen Regionen gehöre das Feierabendbier einfach dazu - "und das gilt auch für Chips", sagt Christoph Klotter, bis zu seinem Ruhestand Ernährungspsychologe und Psychotherapeut an der Hochschule Fulda. "Denn die stehen in unserer Kultur für Erholung, Entspannung und Vergnügen."

Daneben spiele Gewohnheit eine Rolle, so Klotter. "Wenn ich in den Supermarkt gehe, dann wähle ich seit Jahren immer die gleiche Joghurtsorte aus. Oder wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, dann muss es eben etwas Süßes sein." Nicht zuletzt werde Essen oft als Emotionsmanager eingesetzt. "Wenn wir abends alleine vor dem Fernseher sitzen und uns einsam fühlen, dann wird der Kummer weggegessen", sagt der Psychologe. Mit dem Partner könne es am Ende des Tages Konflikte geben - mit dem Kühlschrank nicht.

Wie stark sich solche Gewohnheiten ins Gehirn fräsen, zeigt eine kürzlich vorgestellte Studie. Weil fettige und süße Lebensmittel das Belohnungssystem so stark aktivierten, lerne das Gehirn, unbewusst solche Lebensmittel zu bevorzugen, berichtete ein Team des Max-Planck-Instituts für Stoffwechselforschung in Köln im März 2023.

"Unsere Messungen der Gehirnaktivitäten haben gezeigt, dass sich das Gehirn durch den Konsum von Pommes und Co. neu verdrahtet. Es lernt unterbewusst, belohnendes Essen zu bevorzugen", erläuterte Studienleiter Marc Tittgemeyer.

Lebensmittel mit Suchtfaktor durch Geschmacksverstärker

Eingefahrene Muster zu durchbrechen und die Chipstüte gar nicht erst aufzumachen, sondern vielleicht zum gesünderen Apfel zu greifen, könne daher schwerfallen, sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Chips zählten zudem zu den Lebensmitteln mit eingebautem Suchtfaktor: "Klar ist, dass in Chips Stoffe enthalten sind, die geschmacksverstärkend wirken. Vor allem Aromen stehen im Verdacht, ein stärkeres Verlangen auszulösen. Hefeextrakt, und früher das Glutamat, haben eine ähnliche Wirkung."

Entsprechend groß muss der Wille sein, die Chipstüte mal nicht anzurühren - oder zumindest nur einen kleinen Teil wegzufuttern. Dafür sei unter anderem wichtig, dass das Futtern nicht nebenbei - also etwa parallel zum Film- oder Handygucken - passiere, sagt Ernährungswissenschaftler Smollich.

Wichtig sei auch Unterstützung durch Berater oder eine vertraute Person aus dem Umfeld. Denn, wie Armin Valet bemerkt: Die nächste Chipstüte ist bei einem Anfall von Verlangen meist ein kurzes Stück entfernt schon zu haben.

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