Mafia-Prozesse in Stuttgart: Polizist im Visier
Mafia: Viele denken da an Pasta, Patenfilme und Klischees wie zerstörte Autowracks oder abgedeckte Leichen. Doch es gibt sie auch mitten in Baden-Württemberg, wie mehrere Prozesse in Stuttgart zeigen.
Mafia: Viele denken da an Pasta, Patenfilme und Klischees wie zerstörte Autowracks oder abgedeckte Leichen. Doch es gibt sie auch mitten in Baden-Württemberg, wie mehrere Prozesse in Stuttgart zeigen.
Völlig vermummt sitzt der Mann zwischen den Justizbeamten. Schal, Wollmütze, Sonnenbrille – sein Gesicht bleibt verborgen. Aus Scham? Oder aus Angst vor Rache? Denn der Angeklagte aus Fellbach bei Stuttgart ist Polizist. Und er steht wegen mutmaßlicher Unterstützung der italienischen Mafia und wegen versuchter Anstiftung zum Totschlag in gleich zwei Prozessen vor dem Stuttgarter Landgericht.
Es sind nicht die einzigen laufenden Prozesse gegen mutmaßliche Mafia-Unterstützer, die das Gericht derzeit verhandelt. Kein Zufall: Baden-Württemberg ist eine Hochburg der Mafia. Und Fellbach gilt seit Jahrzehnten als wichtiges Operationsgebiet der kalabrischen 'Ndrangheta. Denn in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zogen viele italienische Einwanderer in die Region, so entstand ein Absatzmarkt für die Mafia.
Mafia-Zentrum Fellbach?
Von dort aus soll sie in den vergangenen Jahren unter anderem erschlichene Lebensmittel wie Olivenöl und Tomatenkonserven zu überhöhten Preisen an italienische Gastwirte und Lebensmittelhändler verkauft haben. Und dort betrieb die kalabrische Mafia-Organisation 'Ndrangheta laut Staatsanwaltschaft einige Jahre ein Lebensmittellager.
Fellbach steht deshalb auch im Mittelpunkt der Prozesse, die derzeit in Stuttgart verhandelt werden – darunter das Verfahren gegen den Polizisten. Sie drehen sich um große Mengen Käse, Olivenöl und Tomatenkonserven, um schweren Betrug und verletzte Ehre – und um den mutmaßlichen Verrat von Dienstgeheimnissen, der dem Polizisten in einem seiner beiden Prozesse vorgeworfen wird.
Geheimnisverrat im Dienst der Mafia
Worum geht es dabei? Im Januar 2022 soll der 47-Jährige laut Anklage zweimal Informationen in einer Polizei-Datenbank abgerufen und an einen anderen Mann weitergegeben haben, der ebenfalls die Mafia unterstütze. Es sei um ein Autokennzeichen und Personendaten gegangen. Konkret prüfte der Beamte demnach, ob Mitglieder der 'Ndrangheta nach einem Angriff auf ein italienisches Restaurant gesucht wurden. Laut Anklage wollten die Täter damit die Gastwirte zum Kauf von Lebensmitteln drängen – also eine klassische Erpressung.
Ebenfalls auf der Anklagebank: der italienische Trauzeuge des Polizisten, der den Mann um den Abruf in der Datenbank gebeten haben soll. Er wird auch verdächtigt, in großem Stil mit Lebensmitteln betrogen zu haben, um einen berüchtigten 'Ndrangheta-Clan zu unterstützen.
Betrug mit Fake-Firma in Fellbach
Sein angeblicher Betrug folgte einem einfachen Muster: Demnach gab sich der Italiener zwischen April 2020 und Mitte 2021 mit Komplizen gegenüber ausländischen Firmen als Verantwortlicher eines Fellbacher Unternehmens aus der Lebensmittelbranche aus, das es allerdings nicht gab. Die Männer bestellten große Mengen Produkte sowie Maschinen zur Pizzaherstellung.
Die Firmen vertrauten auf den guten Ruf und lieferten die Waren in ein angebliches Lager der Fake-Firma. Insgesamt flossen laut Anklage Waren im Wert von mehr als 330.000 Euro weiter. Die Produkte wurden Gastronomen in der Region aufgedrängt, die um die Mafia-Herkunft wussten und aus Angst einkauften.
Auftragsmord und Gutachten im separaten Prozess
Neben diesen Vorwürfen belastet den Polizisten ein weiterer Fall: Der angeklagte Mann hat in einem separaten Stuttgarter Prozess bereits eingeräumt, bei seinem italienischen Freund eine «Abreibung» für seinen verhassten Vorgesetzten in Auftrag gegeben zu haben – das sei versuchte Anstiftung zum Totschlag, meint die Staatsanwaltschaft. Die Tat blieb aus. Ein psychiatrischer Gutachter vermutet aber eine manische Phase des Mannes – das könnte bedeuten, dass er schuldunfähig war. Das Urteil wird für die kommende Woche erwartet.
'Ndrangheta: Weltweit aktiv – und tief in Baden-Württemberg
All diese Fälle werfen ein Licht auf die 'Ndrangheta: Sie ist eine der mächtigsten italienischen Verbrecherbanden – gefährlicher als Cosa Nostra oder Camorra. Sie dominiert den europäischen Kokainmarkt, ihr Spektrum reicht aber auch von Betrug bis zu Waffendelikten und Geldwäsche. Das baden-württembergische Landeskriminalamt (LKA) schätzt rund 170 Aktive – bei hoher Dunkelziffer.
Dass ein Polizist in Mafia-Geschäfte verstrickt ist, überrascht Experten kaum. «Die Mafia versucht natürlich, Amtsträger zu korrumpieren, um an Informationen zu gelangen», sagt LKA-Präsident Andreas Stenger. Mafia-Experte Sandro Mattioli spricht von «Kontaktnetzwerken». Ziel sei es, Ermittlungen zu erschweren. «Wir unterschätzen die Mafia in Deutschland dramatisch», warnt der Journalist. «Sie ist hier tief verankert.»
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