Hanne versucht zunächst verzweifelt, Kurt wieder loszuwerden.
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Hanne versucht zunächst verzweifelt, Kurt wieder loszuwerden.
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«Der verlorene Mann»: Die Rückkehr der Vergangenheit

Liebe, Erinnerung, Demenz – und eine ungewöhnliche Dreierbeziehung. «Der verlorene Mann» erzählt von Gefühlen und Nähe im Alter, in dem eine Vergangenheit zurückkehrt, die niemand erwartet hat.

Es klingelt an der Tür. Hanne öffnet – und schaut in ein Gesicht, das sie längst ihrer Vergangenheit zugeordnet hatte. Draußen steht Kurt, ihr Ex-Mann, von dem sie sich vor vielen Jahren schon getrennt hat. Er sagt, er habe seinen Schlüssel vergessen, huscht an ihr vorbei ins Haus. Kurt hat Alzheimer. Mit ihm tritt eine Vergangenheit ein, die sich nie ganz verabschiedet hat. 

Mit «Der verlorene Mann» legt Welf Reinhart ein bemerkenswert souveränes Langfilmdebüt vor. Was zunächst wie ein klassisches Demenzdrama erscheint, entpuppt sich bald als stiller Beziehungsfilm über Erinnerung, Verlust – und über Liebe, Begehren und Nähe im Alter jenseits der sechzig. 

Ein geordneter Alltag gerät ins Wanken

Hanne (Dagmar Manzel) ist Bildhauerin, Kunstlehrerin und lebt in einer glücklichen Beziehung. Gemeinsam mit ihrem Mann Bernd (August Zirner), einem pensionierten Pfarrer von fast demonstrativer Güte, hat sie sich ein stilles, harmonisches Leben auf dem Land eingerichtet.

Ein Alltag, der funktioniert – vielleicht auch ein wenig zu gut. Überraschungen scheint diese Lebensphase kaum noch bereitzuhalten. Ein Irrtum, wie sich zeigt, als Kurt (Harald Krassnitzer) wieder auftaucht: Hannes Ex-Mann, der aus dem Pflegeheim entwischt ist, in dem er zu einem Kurzaufenthalt untergebracht war, während seine Tochter (Lene Dax) beruflich im Ausland ist.

Hanne versucht zunächst verzweifelt, ihn wieder loszuwerden. Doch weder das Heim noch eine alternative Einrichtung nehmen ihn zurück – das nächste freie Haus öffnet erst am folgenden Tag und hat dann plötzlich doch keinen Platz mehr. So bleibt Kurt zunächst.

Eine leise Ménage-à-trois

Auch Bernd stimmt schließlich zu, nicht zuletzt aus einer fast entwaffnenden Großzügigkeit heraus: Er wäre an Kurts Stelle glücklich, an der Seite einer solchen Frau zu sein. Gleichzeitig macht er klar, dass diese Konstellation nur so lange Bestand hat, wie sie für ihn funktioniert. 

So formt sich im Alltag des Hauses eine eigentümliche, beinahe utopisch anmutende Wohn- und Lebensgemeinschaft – eine Art WG der späten Jahre, die zugleich wie eine leise Ménage-à-trois schillert. Eine Konstellation aus Nähe, Fürsorge und latenter Spannung, ohne dass es je ins Eindeutige oder gar ins Äußerste kippt.

Alzheimer als stiller Störfaktor

Reinhart entzieht sich dem klassischen Betroffenheitskino ebenso wie einem pädagogischen Krankheitsdiskurs. Zwar ist die Alzheimer-Erkrankung von Kurt zentral für die Handlung – sie bringt ihn zurück in Hannes Leben, verschiebt das Gleichgewicht der Figuren und konfrontiert sie mit Vergangenheit und Erinnerung.

Entscheidend ist jedoch nicht die medizinische Realität der Krankheit, sondern das, was sie im Zwischenmenschlichen auslöst: Verschiebungen, Reibungen, neue Nähe. Alzheimer wird nicht als dramaturgischer Holzhammer eingesetzt, sondern als stiller Katalysator für verdrängte Spannungen und alte Sehnsüchte. Statt Pathos setzt der Film auf trockenen Humor und präzise Beobachtungen.

Begehren ohne Zuspitzung

Zwischen Hanne, dem sanften Bernd und dem körperlich präsenten Kurt entsteht ein leises, aber spürbares Begehren, das nie platt ausgespielt wird und gerade deshalb umso stärker wirkt. So etwa in jenen Momenten, in denen Kurt fragt: «Wo darf ich dich noch berühren?» – und Hanne behutsam seine Hand nimmt und sie über ihren Arm, ihre Wange und ihr Haar führt. 

Oder wenn sie mit Kurt und Bernd tanzt, beide Männer sich für einen Augenblick an sie schmiegen, als wäre Nähe etwas Selbstverständliches. Oder wenn Kurt schließlich in ihr Bett steigt, nicht als Grenzüberschreitung im spektakulären Sinn, sondern als fast kindlich anmutender Versuch, sich wieder an eine vertraute Körperlichkeit zu erinnern.

Emotionale Wahrhaftigkeit

Das Drehbuch ist nicht frei von Schwächen. Manche Entwicklungen folgen etwas zu brav den Regeln des klassischen Beziehungsdramas, manche Wendungen zeichnen sich früh ab. Doch erstaunlicherweise schadet das kaum. Denn Reinhart interessiert sich weniger für narrative Überraschungen als für emotionale Wahrhaftigkeit – und die gelingt ihm bemerkenswert gut. 

«Der verlorene Mann» ist eine bittersüße und zugleich leichte Reflexion über Liebe, Begehren und die leisen Erschütterungen des Älterwerdens jenseits der sechzig. Manzel («Unterleuten – Das zerrissene Dorf») verleiht Hanne jene Mischung aus Verletzlichkeit, Schärfe und stiller Autorität, die Hanne zu einer Figur macht, die weit über das Drehbuch hinauslebt. 

Zirner («Ein ganzes Leben») zeichnet Bernd als unaufdringliche Gegenfigur von großer innerer Ruhe, während der aus dem Wien-«Tatort» bekannte Krassnitzer seinem Kurt eine fragile Mischung aus Verlorenheit und Nähe gibt – und damit genau jene Uneindeutigkeit bewahrt, die den Film trägt.

Von Sabine Glaubitz, dpa
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