Jafar Panahi verarbeitet in seinem neuen Werk auch eigene Erfahrungen aus der Haft.
Britta Pedersen/dpa
Jafar Panahi verarbeitet in seinem neuen Werk auch eigene Erfahrungen aus der Haft.
Neu im Kino

«Ein einfacher Unfall»: Mutiges Kino aus dem Iran

Ein Ex-Häftling glaubt, seinen Peiniger wiederzuerkennen, und entführt ihn. Jafar Panahi erzählt von Zweifel und Gerechtigkeit. Und feiert mit seinem Film Erfolge, die ihm daheim verwehrt bleiben.

Die Nacht ist still, bis ein Aufprall die Dunkelheit zerreißt. Auf einer abgelegenen Landstraße im Iran erfasst ein Auto einen streunenden Hund. Am Steuer: Eghbal, unterwegs mit seiner hochschwangeren Frau und der kleinen Tochter. Als der Wagen kurz darauf liegen bleibt, sucht die Familie Hilfe in einer nahegelegenen Werkstatt. Dort horcht der Mechaniker Vahid auf: Das metallische Quietschen von Eghbals Beinprothese erinnert ihn an die Schritte seines Peinigers aus der Zeit im Gefängnis.

Mit dieser Szene eröffnet der iranische Regisseur Jafar Panahi seinen neuen Film «Ein einfacher Unfall» – doch einfach ist hier nichts. Der Filmemacher, selbst seit Jahren im Visier der Justiz, erzählt von Momenten, in denen das Politische ins Private eindringt und so ein moralisches Dilemma entsteht. Panahi zeigt eine Gesellschaft, in der die Vergangenheit nie ganz vergangen ist. Und Begegnungen von der Vergangenheit überschattet werden können.

Was als zufällige Begegnung beginnt, wird zur Suche nach Gewissheit und Gerechtigkeit. Vahid, überzeugt davon, in Eghbal seinen einstigen Peiniger wiederzuerkennen, entführt den Mann und ringt mit seinen Zweifeln, als dieser seine Unschuld beteuert. Statt allein über Rache zu entscheiden, wendet er sich an ehemalige Mitgefangene und Bekannte, um gemeinsam herauszufinden, ob Eghbal tatsächlich der Mann ist, von dem sie damals nur Stimme und Gang kannten. Auf ihrer Spurensuche in Teheran prallen verschiedene Haltungen aufeinander, zwischen Verdrängung und dem Wunsch nach späten Antworten.

Ohne offizielle Genehmigung im Iran gedreht

Gedreht wurde der Politthriller ohne offizielle Genehmigung der Behörden, wie schon mehrere gesellschaftskritische Filme Panahis. Im iranischen Kino, das strengen Zensurvorgaben unterliegt, darf der politisch brisante Film nicht gezeigt werden. Möglich wurde «Ein einfacher Unfall» auch durch internationale Partner, mit Firmen aus Frankreich und Luxemburg als Co-Produzenten. Seine Uraufführung feierte der Film 2025 in Cannes, er wurde dort mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Wie brisant Panahis neues Werk ist, macht ein aktueller Justizakt deutlich. Während der Regisseur im Ausland seinen Film vorstellt, verhängte ein Revolutionsgericht in Teheran in Abwesenheit gegen ihn eine Haftstrafe von einem Jahr. Nach Angaben seines Anwalts Mostafa Nili wurde ihm zusätzlich untersagt, Mitglied in politischen oder sozialen Gruppen zu sein, und ein zweijähriges Ausreiseverbot wurde ausgesprochen. Es ist nicht das erste Mal, dass die iranische Justiz gegen den bekannten Filmemacher vorgeht.

Panahi von Erfahrungen in der Haft inspiriert

Auch seine eigenen Erfahrungen aus der Haft im berüchtigten Ewin-Gefängnis vor drei Jahren hätten ihn bei seinem neuen Film inspiriert, sagt der 65-Jährige im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Teils seien es gemeinsame Erfahrungen gewesen. «Beim Dialogschreiben habe ich die Hilfe eines Freundes in Anspruch genommen, der ein Viertel seines Lebens im Gefängnis verbracht und die meisten dieser Geschichten gehört hat.»

Irans lebendige Filmszene war stets ein Ort subtiler Kritik am autoritären Herrschaftssystem. Panahi ist sich der juristischen Risiken bewusst. «Für sozialkritische Filmemacher oder diejenigen, die nicht unter der Zensur arbeiten wollen, gibt es immer diese Probleme, und jeder zahlt seinen Preis», sagt er. «Es sind die gesellschaftlichen Bedingungen, die dir sagen, was du jetzt tun sollst.» Als Beispiel nennt er, wie sich drei Jahre nach den landesweiten Protesten immer mehr Frauen in der Öffentlichkeit der Kopftuchpflicht widersetzen. Auch solche flüchtigen Alltagsszenen zeigt «Ein einfacher Unfall».

Chancen auf einen Oscar?

Doch nicht alle in der iranischen Filmszene feiern Panahis Werk vorbehaltlos. Einige Branchenvertreter blicken kritisch auf den Trend zum politischen, provokanten Kino. «Panahi ist zweifelsfrei ein mutiger Filmemacher», sagt ein Produzent in Teheran. Wie der Film im Iran aufgenommen würde? «Das Problem ist ja, dass der Film hier verboten ist.» Er fordert, iranische Regisseure sollten für das heimische Publikum drehen, «nicht nur für ausländische Festivals». Und fügt hinzu: «Sollte Panahi wirklich zurückkehren, hätte er meinen Respekt.» Auch andere Insider äußern Kritik – etwa an der schlichten Kameraführung oder daran, dass Panahi bevorzugt mit weniger bekannten Darstellern arbeitet.

Schon jetzt ist «Ein einfacher Unfall» Panahis erfolgreichster Film. Was im eigenen Land nicht gezeigt werden darf, tritt auf internationalen Bühnen umso deutlicher hervor. Bei den Gotham Awards in New York wurde er für die beste Regie, das beste Original-Drehbuch und als bester internationaler Film ausgezeichnet. Die Filmpreise gelten als Auftakt der Trophäensaison, die im März mit der Oscar-Verleihung endet. Frankreich hat Panahis Werk dort als nationalen Beitrag in der Kategorie «Bester internationaler Film» eingereicht.

Von Arne Bänsch und Lisa Forster, dpa
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