Er öffne die Tür zu seinem Privatleben heute schon ein Stück weiter als früher, gibt der Graf zu. «Ich erzähle, dass ich verheiratet bin, dass ich aus der Nähe von Aachen komme und dass ich Eltern habe». Aber, ernster Blick: «Das war es dann auch schon.» Der Fokus müsse auf der Musik liegen. «Je mehr Leinwand man für Belanglosigkeiten bietet, desto kleiner wird das Eigentliche.»
Der Graf sieht einen neuen Frankenstein
In «Brot und Spiele», einem weiteren Album-Song, geht es ganz in diesem Geiste darum, dass mediale Berichterstattung aus Sicht des Grafen oft nur der Ablenkung diene. «Nebensächlichkeiten – etwa wenn ein Musiker mal von einer Bühne fällt – werden zu großen Nachrichten», nennt er als Beispiel. Dazu muss man erwähnen, dass der Graf ausgerechnet bei seinem Comeback-Konzert im November tatsächlich von der Bühne gestürzt war.
Insgesamt klingt das Album aber, als sei der Graf nie weg gewesen. Die eher balladenhaften Songs schließen an den Superhit «Geboren um zu leben» von 2010 an. Die schnelleren, etwas drängenden Lieder erinnern an die Wurzeln der Formation in der Gothic-Szene. Die Stimme ist satt und tief, die Ästhetik leicht ins Düstere gedimmt – und man tritt dem Grafen nicht zu nahe, wenn man sagt, dass der Pathos nicht sein Feind ist. Eine gut funktionierende Kombination.
Für den sanften Mittelschichtsgrusel hat er etwa ein Lied mit dem Titel «KI – 01001011 01001001» auf das Album gepackt. Für den Grafen, selbst ja von Düsternis umweht, ist Künstliche Intelligenz die reale Entsprechung zu Mary Shelleys Frankenstein, wie er sagt. «Wir haben heute die Macht, digitale Wesen zu erschaffen, die so echt wirken, dass die Menschen ihnen bedingungslos glauben», analysiert der Graf. «Die Kombination aus KI und einem völlig unkontrollierten Internet halte ich für hochgefährlich.»
Ein Lied ist ein Lied
Ist man kein Fan von Unheilig, lässt sich über all das sicherlich leicht auch lächeln. Der schwarze Totengräber-Anzug, die tief intonierten Lebensbekenntnisse – für Außenstehende kann das schnell überhöht und auch unfreiwillig komisch wirken. Und doch stellt sich eine andere, vielleicht interessantere Frage: Warum funktioniert das alles so gut?
Die Antwort könnte sein, dass der Graf in einer Welt voller Zynismus irgendwie unzynisch wirkt. Ironische Distanz – das gibt es bei ihm nicht. Ein Gefühl ist ein Gefühl, ein Lied über seine Frau eben ein Lied über seine Frau – ohne gedrechselte Zwischenebenen. Der Graf hat eine No-Bullshit-Aura.
Deshalb funktioniert Unheilig auch in so vielen Settings. «Wir sind musikalisch so breitgefächert, dass wir überall auftreten können», sagt der Graf. «Wir haben in Wacken gespielt und sind danach direkt zu Carmen Nebel gefahren.» Im Sommer sind Open-Air-Shows geplant und im Herbst und Winter 2026/2027 eine große Arena-Tour.
Im Oktober 2027 soll es sogar eine Unheilig-Kreuzfahrt geben. Motto: «Leinen los mit Unheilig & Friends.» Es wird vermutlich nicht die letzte Ausfahrt des Grafen sein.
Von Jonas-Erik Schmidt, dpa
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