Bei Umfragen hatte zuvor fast immer die progressive People’s Party mit ihrem Spitzenkandidaten Natthaphong Ruengpanyawut (38) vorne gelegen. Sie hatte schon im Vorfeld angekündigt, in die Opposition zu gehen, falls sie die Wahl nicht gewinnen sollte. In der Hauptstadt Bangkok siegte sie immerhin den Berechnungen zufolge in allen Wahlbezirken.
Die PP ist die Nachfolgerin der liberalen Move-Forward-Partei, die 2023 vom Verfassungsgericht aufgelöst worden war. Move Forward hatte damals zwar die meisten Stimmen erhalten, war jedoch am Widerstand konservativer Kräfte gescheitert und durfte keine Regierung bilden.
Konflikt mit Kambodscha
Die Abstimmung fand in einer angespannten Lage statt. Anutin hatte die Neuwahl im Dezember ausgerufen, als Thailand in einen bewaffneten Grenzkonflikt mit dem Nachbarland Kambodscha verwickelt war. Zwischen den Nachbarstaaten war es unter anderem wegen des historisch ungeklärten Grenzverlaufs mehrfach zu Gewalt gekommen. Seit Ende Dezember gilt eine fragile Waffenruhe. Der 59-Jährige hatte im Wahlkampf nicht nur mit wirtschaftlichen und sozialen Themen geworben, sondern auch Schutz für die Bevölkerung mit Blick auf den Grenzkonflikt versprochen.
Anutin ist erst seit September Regierungschef - und wurde damit der dritte Ministerpräsident des Landes innerhalb von zwei Jahren. Er hatte sich in der Vergangenheit bereits als Gesundheitsminister einen Namen gemacht, als er 2022 die Entkriminalisierung von Cannabis vorantrieb – Thailand wurde damit eines der ersten Länder Asiens, das den Umgang mit der Pflanze liberalisierte.
Drittstärkste Kraft dürfte die populistisch geprägte Pheu-Thai-Partei werden. Sie gilt als politischer Arm des einflussreichen Shinawatra-Clans und ist traditionell stark in ländlichen Regionen. Der frühere Ministerpräsident Thaksin Shinawatra zählt zu den reichsten Männern des Landes, auch seine Schwester Yingluck sowie seine Tochter Paetongtarn waren bereits Regierungschefinnen. Pheu Thai könnte bei der Bildung einer künftigen Koalition erneut eine Rolle spielen.
Touristen von Alkoholverbot überrascht
Auch im Alltag war der Wahltag spürbar – selbst für Touristen. Viele Urlauber zeigten sich überrascht, dass der Verkauf von Alkohol seit Samstagabend für 24 Stunden verboten war. Das Alkoholverbot gilt in Thailand traditionell bei jeder Wahl und soll die Ordnung am Wahltag sichern.
Ob die Zustimmung zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung nun tatsächlich zu tiefgreifenden Reformen führt, bleibt derweil abzuwarten. In einem Land mit einer langen Geschichte von Militärputschen und extremer Polarisierung werden erst die nächsten Wochen am Verhandlungstisch zeigen, wohin die Reise geht.
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