Die tatendurstige Emma Aicher nahm im Presseraum erst mal einen großen Schluck aus ihrer Wasserflasche. «Damit hätte ich gar nicht gerechnet», sagte die deutsche Skirennfahrerin nach ihrem famosen dritten Platz zum Auftakt der neuen Alpin-Saison. Die 22-Jährige hat in Sölden gleich Signale gesendet. Seht her: Ich kann auch Riesenslalom. Ich kann da sogar schneller sein als Topstar Mikaela Shiffrin. Und ja: Ich bin eine ernstzunehmende Kandidatin auf den Gewinn des Gesamtweltcups.
Öffentlich formulieren würde das deutsche Ski-Juwel solch ambitionierte Ziele nie. Auch im Verband sind sie darum bemüht, die hohen Erwartungen an die Allrounderin etwas zu dämpfen. Die unbeschwerte Aicher soll bloß nicht ihre Leichtigkeit verlieren, denken sich die Bosse um Sportvorstand Wolfgang Maier. Sie wissen aber auch: Die gebürtige Schwedin hat das Potenzial für die ganz, ganz große Karriere. Und das Zeug, sich womöglich schon diesen Winter die große Kristallkugel für die beste Skirennfahrerin im Weltcup zu sichern.
Auch Gratz hat Grund zur Freude
Auch für die deutschen Männer begann die Saison am Sonntag mit einem Top-Ten-Platz. Fabian Gratz feierte beim Sieg des Brasilianers Lucas Pinheiro Braathen als Sechster das zweitbeste Ergebnis seiner Karriere. Vor wenigen Jahren war die deutsche Riesenslalom-Mannschaft noch komplett weg von der Weltspitze, inzwischen nähert sie sich Schritt für Schritt wieder an.
Aicher - und das war schon vor ihrer furiosen Aufholjagd in Sölden klar - ist aber die alles überstrahlende Figur im deutschen Ski-Team. Es sei «cool zu fahren» gewesen, sagte sie nach dem zweiten Durchgang, in dem sie sich am Samstag - auch begünstigt von einem kleinen Wetterumschwung - von Rang neun noch auf ihr erstes Riesenslalom-Podium der Karriere vorgekämpft hatte.
Nachdem sie die Ziellinie passiert hatte, jubelte die Tochter eines Deutschen und einer Schwedin ausgelassen. Weil ihre Zeit grün aufleuchtete und sie wusste, dass sie zumindest nicht mehr zurückfallen würde, erklärte sie danach. Daran, dass es noch für das Treppchen reichen könnte, habe sie nicht geglaubt.
Shiffrins Saison beginnt mit einem Dämpfer
Doch es reichte - auch, weil sich die zur Halbzeit führende Shiffrin bei schwieriger werdenden Bedingungen letztlich mit Rang sieben begnügen musste. Die amerikanische Ausnahmeathletin verpasste ihren 111. Weltcup-Sieg, stattdessen jubelte Teamkollegin Paula Moltzan über ihren Premieren-Erfolg.
Vor diesem Winter hatte Shiffrin angekündigt, weniger Rennen in ihrer Paradedisziplin Slalom zu bestreiten und ihren Fokus auf den Riesenslalom und den Super-G zu richten. Eine «Saison der Erkundung» nannte sie es. Die begann für die sechsmalige Gesamtweltcupsiegerin nun mit einem kleinen Dämpfer.
Aicher indes ließ sich von all dem Brimborium um ihre Person nicht aus der Ruhe bringen. Nach ihrer überragenden Vorsaison, in der sie unter anderem zwei olympische Silbermedaillen und drei Weltcup-Erfolge eingefahren hat, war sie in den Tagen vor dem Sölden-Rennen immer wieder mit Fragen nach ihren Chancen im Kugel-Kampf konfrontiert worden. Der Druck auf sie ist spürbar.
Aicher: «Drumherum war mir wurscht»
Doch Aicher blieb - bei Temperaturen um den Gefrierpunkt - auch diesmal eiskalt. «Das Drumherum war mir wurscht», sagte sie. In allen vier Disziplinen hat es Aicher im Weltcup nun auf das Podest geschafft. Im Riesenslalom war ihr bislang bestes Karriereresultat der vierte Rang im schwedischen Are im vergangenen März, in Sölden belegte sie letztes Jahr noch Platz 28.
Aicher scheint in ihrer Entwicklung nicht aufzuhalten. Und diese Saison - mit der WM in Crans-Montana in der Schweiz im Februar als Höhepunkt - tatsächlich alles möglich. Sie sei eine «coole Socke», hatte Österreichs Riesenslalom-Ass Julia Scheib vor dem Rennen über die Deutsche gesagt. Und wurde bestätigt.
Von Christoph Lother, dpa
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